Nix zu verbergen
Schon lange sind Daten das neue Gold. Und das besonders datenhungrige KI-Zeitalter sorgt wahrscheinlich dafür, dass Daten jetzt schon Platin sind.
Viele haben ein großes Interesse an unseren Daten. Und nicht alle davon haben damit Dinge vor, die in unserem Sinne sind. Um Menschen die Sache etwas einfacher zu machen, gibt es den Datenschutz. Der ist wichtig, richtig, und ja, zugegebenermaßen, wegen viel zu viel Bürokratie auch mal lästig – nicht nur für Unternehmen, sondern auch für ganz normale Menschen wie du und ich.
Kein Wunder also, dass es immer wieder Versuche gibt, den Datenschutz aufzuweichen. Mal Opt-Out statt Opt-In hier, etwas mehr KI-Training dort, eine Prise Umgehung von Entschlüsselung dazu und zum Schluss ein ordentlicher Schluck Datenverschwendung (so als Gegenstück zur Datensparsamkeit).
Wir können viel über den Datenschutz diskutieren, uns darüber aufregen. Aber eigentlich ist er ja, wie der Name schon sagt, nur dazu da, uns zu schützen. Genauer gesagt, in einigen Bereichen unseres Lebens unsere Privatsphäre zu schützen.
Nur. Ist die überhaupt schützenswert?
Ich denke schon, denn die universelle Erklärung der Menschenrechte durch die UNO schreibt sie als Grundrecht in Artikel 12 vor. Ebenso die Charta der Grundrechte der Europäischen Union, die da in Artikel 7 nicht nur ebenso unmissverständlich ist, sondern in Artikel 8 sogar den Datenschutz zum Grundrecht macht.
Aber die Kinder! Die Sicherheit! Die Wirtschaft! Und ich hab doch auch nichts zu verbergen!
Du hast nichts zu verbergen? Das ist wunderbar. Genau das nicht nur zu statuieren, sondern auch frei darüber entscheiden zu dürfen, wo du deine Privatsphäre aufgibst; das ist genau das, was dir diese Grundrechte ermöglichen sollen. Du Spaßvogel!
Du denkst, das ist nicht nötig? Also bist du der Meinung, Privatsphäre ist schlecht für die Gesellschaft? Ich nehme an, es spricht dann nichts dagegen, dass du dich einfach mal von Jalousien und Gardinen verabschiedest? Und wir alle Klotüren aushängen (noch besser, gleich alle Türen)? Dass jeder deine Krankengeschichte und deine Kontobewegungen einsehen kann? Und natürlich auch dein Strafregister. Und auch alles andere?
Du merkst vielleicht schon, an Privatsphäre hängt verdammt viel dran. Würde, Unversehrtheit, Besitz, freie Meinungsäußerung. Eigentlich so ziemlich alles, was das Leben von Menschen in Demokratien ausmacht und ausmachen sollte. Und was in totalitären Regimen fehlt (Was für ein seltsamer Zufall, nicht wahr?).
Ich bin deshalb der Meinung: Privatsphäre ist nichts, was zum Verkauf steht. Das ist nichts, was ungefragt herausgegeben werden sollte. Das ist nichts, was sich für das meist doch eher fadenscheinige Versprechen von mehr Sicherheit zu opfern lohnt.
Nicht im Geringsten.
Der große Aufwand, die Privatsphäre eines jeden Menschen zu schützen, ist damit in meinen Augen mehr als gerechtfertigt. Sie aus Interessen der Kontrolle, der Manipulation oder rein wirtschaftlich motiviert auszuhöhlen, ist immer falsch. Und ja, solche Maßnahmen sind immer und ausnahmslos ein Baustein des systematischen Demokratieabbaus.
Natürlich darf jeder sein Leben in den sozialen Medien breittreten, seine medizinischen Daten dem gesellschaftlichen Gesamtwohl zur Verfügung stellen, seine DNA erfassen lassen, um schwere Straftaten aufzuklären. Der Schlüssel ist es, die Wahl dazu zu haben.
Deshalb hat kein Unternehmen deine Daten zu verarbeiten, solange du nicht zustimmst. Deshalb gehören deine Daten nicht in die Trainingsdatensätze für neue KI-Modelle. Und ja, ich gehe sogar so weit, deshalb gehören deine medizinischen Daten auch nicht ungefragt in einen Forschungsfundus. Und deshalb haben weder Sicherheitspolitik noch Wirtschaftslobbyisten auch nur über dieses Grundrecht zu urteilen.
Denn wer das Grundrecht auf Privatsphäre nicht schätzt und nicht erkennt, lebt vielleicht irgendwann in einer Gesellschaft, wo Privatsphäre kein Recht, sondern überlebensnotwendig wird. Und der Weg zurück von dort in eine friedliche Demokratie, der ist steinig und blutig. Und viele werden ihn nicht bis zum Ende gehen können.
Warum landet das hier? Radikalisiert der Hendrik sich jetzt? Ist er durch ein Anarcho-LLM ersetzt worden?
Nein, das landet hier, weil wirtschaften in einer freien Gesellschaft mit einer intakten individuellen Privatsphäre nicht nur möglich, sondern sogar notwendig ist.
Und noch mehr, weil das hier ein Blog für Menschen ist. Und Menschen müssen verstehen, dass sie über ihre Privatsphäre entscheiden dürfen.
Der Kollege Neal Walfield von Sequoia PGP hat erst letzte Woche dazu in einem tollen Talk folgendes gesagt, und dem möchte ich mich anschließen:
Data doesn’t get hurt. People get hurt.
Und Leute, daraus kann eigentlich nur folgen: Protect data. To protect people.
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