Viele neue Berufe und wenig neue Arbeit?

Viele neue Berufe und wenig neue Arbeit?

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 18. Juli 2023

Fachkraft für Digitalisierung, oder für Selbstmanagement, oder für Agile Führung. VUCA Manager, Prompt Engineer, Work Culture Designer. Um neue Berufstitel scheint man nicht verlegen zu sein. Selbst bei anerkannten IHK-Weiterbildungen nicht. Der Fortschritt bietet Platz für alle. Hauptsache, am Ende purzelt ein schickes Zertifikat für den Lebenslauf dabei heraus.

Ich finde es generell gut, dass man bei Berufen auch mit der Zeit geht. Das ist wichtig. Ich frage mich nur, wenn Arbeit selbst sich verändert, mitunter im extremen Maße, wie gut sind neue wie alte Berufsfelder darauf vorbereitet? Bringen neueArbeit und Transformationen im Sektor newwork es nicht auch zwangsläufig mit sich, dass der Begriff des Berufs neu gedacht werden muss? Und damit natürlich auch, wie man bewertet, ob die Befähigung für bestimmte Tätigkeiten überhaupt vorhanden ist?

Ich denke, das muss geschehen; sich einfach ständig neue Berufe auszudenken, bringt uns nicht weiter. In gewisser Hinsicht ist das sogar eine Mogelpackung. Denn oft genug fühlt man sich nach dem Ergreifen eines Berufs nicht so, als sei man seiner Berufung gefolgt. Und befähigt für das, was Gegenwart und Zukunft für uns bereithalten, ist man auch immer seltener. Sich immer spitzer aufzustellen, immer mehr zu spezialisieren (so wie es etwa die eingangs genannten Berufsfelder propagieren) ist für die moderne, und mehr noch für die zukünftige Arbeitswelt hinderlich.

Problemstellungen und Handlungsfelder ändern sich in immer kürzeren Abständen. In der Vergangenheit klar abzugrenzende Tätigkeitsfelder gehen heutzutage immer öfter fließend ineinander über. Je nach Aufgabe und Teamzusammensetzung kann es jederzeit vorkommen, dass einzelne Personen innerhalb kurzer Zeiträume unterschiedlichste Rollen einnehmen müssen.

Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass sich in unseren Denkweisen einiges ändern muss:

  1. Notwendige Kenntnisse können immer seltener im Voraus gewonnen werden. Lernen wird zu einem maßgeblichen Teil der Arbeit und wir benötigen gute, individualisierte Konzepte, um Menschen mit unterschiedlichsten Lerntypen und Lerngeschwindigkeiten ebendieses Lernen zu ermöglichen. Und natürlich benötigen wir auch die entsprechenden Freiräume dafür.

  2. Aus- und Weiterbildung muss dynamischer werden und in kürzeren Intervallen erfolgen. Für unscharfe Tätigkeitsfelder können wir uns keine dreijährige Ausbildung mehr leisten, die zu allem Überfluss auch noch in aller Regel den aktuellen Entwicklungen hoffnungslos hinterherhinkt. Micro- und Nanodegrees könnten und müssten vielerorts an die Stelle klassischer späterer Ausbildungsphasen (egal ob für Azubis, Studierende oder Menschen, die schon im Job sind) treten, nachdem die notwendigen Grundlagen vermittelt worden sind.

  3. Es gibt breite Kenntnisfelder, die berufsübergreifend vermittelt werden müssen. Und das kann und darf bei einer überalternden Gesellschaft nicht nur in den Schulen (bzw. den Schulen der Zukunft) passieren. Angebote, die den Umgang mit der VUCA-Welt, mit Komplexität, Digitalität, aber auch mit Kommunikation und Kollaboration, vermitteln, müssen nicht nur zum Fundament von Aus- und Weiterbildung werden, sie müssen auch ihren festen Platz im Arbeitsleben, damit sie erhalten und stetig ausgebaut werden können. Gesellschaft und Wirtschaft sind hier gleichermaßen in der Pflicht, allen Menschen den Zugang zur Erlangung und dem Erhalt dieser fundamentalen Fähigkeiten zu bieten.

  4. Wir benötigen neue Metriken, um Befähigung und Qualifikation benennen zu können. Noten und Zertifizierungen sagen herzlich wenig über Leistungsfähigkeit, Potenziale und anwendbares Wissen aus. Wer viel weiß, kann nicht automatisch viel. Wer weiß, wie es richtig gehen würde, macht es noch längst nicht richtig. Wer dank Prüfungsangst, geistiger oder physischer Einschränkungen oder einfach durch seine soziale Stellung durchs Raster fällt, und sei es nur, weil man sich das teure Zertifikat nicht leisten kann, mag trotzdem fleißiger, gewissenhafter und lernfähiger sein als viele Menschen, die ihr Leben in glücklicheren Umständen verbracht haben und einen tollen Abschluss in irgendetwas vorweisen können. Was wir heute nutzen, um Befähigung zu messen, ist für viele Tätigkeiten genauso ungeeignet wie die aus der hohlen Hand herbei postulierte Korrelation zwischen Arbeitszeit und Arbeitsleistung.

Was tut ihr, in euren Unternehmen, um die alten Konzepte von Beruf und Tätigkeit in die neue Arbeit zu tragen? Und wie schlängelt ihr euch um den Moloch an Vorschriften und Bürokratie herum, der dabei im Wege steht?

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