Kein Müsli für mich
Vor knapp sechs Wochen stand mein Müsli plötzlich nicht mehr im Supermarkt-Regal. Gab’s nicht mehr. Den Platz nahm ein anderes, natürlich viel schnöderes Produkt ein. Mich als Mensch aus dem Autismusspektrum stellt so etwas auf eine harte Probe und vor ein echtes Frühstücksproblem.
Wahrscheinlich interessiert dich das gar nicht so sehr. Reden wir doch lieber darüber, dass SAP seinen Leuten die Arbeitsortflexibilität zusammen streicht. Oder darüber, dass Personio eine ganze Menge Personal abbaut. Wenn du jetzt nicht gerade bei SAP oder Personio arbeitest, sollte dich das eigentlich ungefähr so viel interessieren wie mein Müslidebakel.
Aber: das hier ist ein Newsletter über Digitalisierung und NewWork, also werfen wir auf beide Themen trotzdem mal einen Blick.
Personio entlässt 100 Menschen in zwei zentralen Unternehmensbereichen und schreibt gleichzeitig in diesen 150 neue Stellen aus. Vor allem daran reiben sich die Diskussionen. Denn zunächst ist das natürlich mindestens ein moralischer Skandal. Aber, was gerne bei Personios sehenswerter Marktdurchdringung vergessen wird: Personio ist noch keine zehn Jahre alt. Und offenbar laut eigener Aussage auch bisher nicht in der Lage, schwarze Zahlen zu schreiben. Ein Start-up also.
Das heißt viel Dynamik. Und im Falle von Personio (wie bei eigentlich allen schnell wachsenden Start-ups) natürlich auch viel Wachstum. Und damit auch einige teure Auswüchse, die sich strategisch als Fehler herausgestellt haben und wegmüssen. Wachsen die Fähigkeiten der eigenen Leute da schnell genug mit? Unwahrscheinlich, in einem Start-up hat jede Hand schon genug zu tun. Hat man es vielleicht versäumt, sich in andere Felder früh genug einzuarbeiten? Wahrscheinlich, aber Teams, die zwei, drei vollkommen unterschiedliche Themen voll überblicken und durchdenken müssen, sind nicht sehr effizient. Gab es technologische Umwälzungen, die jetzt ganze Produkte plötzlich überflüssig machen? KI oder so? Absolut denkbar! Sind die neuen Jobs schlechter bezahlt? Wissen wir nicht. Können sich die Mitarbeitenden, die jetzt gehen sollen, auf diese Jobs bewerben? Bestimmt.
Urteilen wir also nicht vorschnell. Unternehmen in der exponentiellen Wachstumsphase sind schwer abhängig vom Geld anderer Leute. Und damit auch deren Erwartungen und Vorgaben. Wer bei einem Start-up arbeitet, ist sich hoffentlich dieser Risiken bewusst. Ob die Zukunft für die Betroffenen oder auch für Personio sich durch diesen Schritt ändert, bleibt abzuwarten. Der springende Punkt ist, für dieses Vorgehen gibt es viele gute wie schlechte Gründe. Dass die Führungsebene aus bösen Misanthropen besteht, wäre davon nur einer und zugleich auch ein extrem unwahrscheinlicher.
Und SAP? SAP galt schon vor Corona als exzellenter Arbeitgeber. Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der für das Unternehmen tätig ist oder war und das je infrage gestellt hat. Einige Aktionen der Unternehmensführung (wie der Rückbau des Homeoffice-Anteils oder die auf der kommunikativen Seite gründlich misslungene Ankündigung der Mitarbeiterbewertungen im letzten Jahr) darf man da durchaus auf den Prüfstand stellen. Auch und gerade, weil SAP als Arbeitgeber die Messlatte selbst immer höher gelegt hat. Wie die Mitarbeitenden darauf reagieren, ob sich dadurch die Situation von SAP verbessert oder verschlechtert, wird sich zeigen. Ein Rückschritt ist das allerdings nicht zwingend. Eher ein Richtungswechsel. Ein Versuch. Ein Experiment.
Und darum geht es: Beiden Unternehmen können wir sehr dankbar sein. Sie wagen hier großangelegte, riskante und mit großer Wahrscheinlichkeit auch immens teure Experimente. Von deren Ergebnis wir alle profitieren können.
Änderungen wie jetzt bei SAP und Personio sind im Übrigen keine Sabotage von New Work. Im Gegenteil, sie sind der eigentliche Antrieb dahinter. Denn kein Unternehmen kann es jemals allen möglichen Mitarbeitenden recht machen. Und es gibt keinen goldenen Weg zur neuen Arbeit. Und dieser Weg ist bestimmt auch nicht von Homeoffices gesäumt und mit Obstkörben garniert.
Es geht immer darum, das Unternehmen gut aufzustellen. Dazu gehört es natürlich auch klarzustellen, was man bietet und erwartet. Aber das sind keine ewigen Konstanten. Ändert sich der Markt, dann müssen Unternehmen sich anpassen. Das wird nicht jedem gefallen, der dort arbeitet. Wichtig ist es den Weg zu finden, mit dem die meisten klarkommen und der ihnen wirklich Neue Arbeit ermöglicht – denn die brauchen alle Unternehmen heutzutage dringend.
Warten wir also ab, beobachten wir und vor allem lernen wir. Denn lernen, das ist Teil der neuen Arbeit.
Eine kleine Entwarnung und damit auch etwas mehr Klarheit kann ich übrigens hier und jetzt schon bieten. Mittlerweile gibt es mein Müsli (rundumerneuert und in neuer Verpackung, aber immerhin mit genauso viel Inhalt zum gleichen Preis) wieder. Und das ist doch auch schon mal was.
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