Toxisches Umfeld

Toxisches Umfeld

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 4. Februar 2025

Wenig ärgert mich in Diskussion rund um neue Arbeit so sehr wie der Begriff toxisch.

Mein Vorgesetzter will immer was von mir? Toxisch! Die Firma zahlt mir den Yogakurs nicht? Toxisch. Mein Kollege hat das letzte Eis aus dem Eisfach gegessen? Toxisch!

Von einem Begriff, mit dem wir vor gar nicht mal allzu langer Zeit noch ausdrücken wollten, dass ein Arbeitsumfeld krank macht, sind wir mittlerweile bei einer Definition gelandet, die scheinbar alles umfasst, was uns nicht passt.

Und ganz ehrlich, das ist meiner Meinung nach sehr viel häufiger ein Problem des Individuums als des Umfelds. Mehr noch, nur weil mir etwas nicht passt, ist das noch lange kein Indiz, es ändern zu müssen.

Mein Lieblingsbeispiel ist da das klassische Vertriebsteam, in dem untereinander sehr viel Konkurrenz herrscht und das diesen Druck nutzt, um besonders erfolgreich zu sein.

Will ich, also Hendrik, so arbeiten? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber ist das deshalb kein valides Arbeitsmodell? Wohl kaum. Es gibt Menschen, die wollen so arbeiten. Die kommen damit klar. Die haben damit Erfolg. Und Spaß. Das ist kein toxisches Umfeld.

Toxisch (und zwar für alle!) wird es dann, wenn einige Leute in dieses Team kommen, die so nicht arbeiten wollen. Dann sollte man fragen, wie diese Leute da gelandet sind. War es deren eigene Initiative und ein bewusster Wunsch? Hat HR gepennt? Oder gar Sabotage der woken Konkurrenz? Letzteres ist kein Scherz, das habe ich so tatsächlich mal erzählt bekommen …

Oder wenn sich diese Arbeitskultur in andere Abteilungen ausdehnt, die völlig anders funktionieren. Auch nicht schön. Die kooperativ-innovative Designabteilung kommt mit dem Alpha-Männchen-Vertrieb wahrscheinlich nur mit strikter Abgrenzung klar. Zusammenarbeit kann sich da wohl nur schwer entfalten. Vor allem, wenn alles total selbstbestimmt ist.

Neue Arbeit, das ist kein Kuschelweich-Kurs und das heißt auch nicht, dass jede:r bekommt, was man sich in seinen Träumen schon immer gewünscht hat. Neue Arbeit heißt, dass alle so arbeiten können, dass sie motiviert und produktiv sind. Dass sie gerne zur Arbeit kommen. Dass sie an ihren Aufgaben wachsen können. Und natürlich, dass diese Arbeit eben nicht krank macht.

Voraussetzung dafür sind klare Vorgaben in den Organisationen – Freiheiten und Grenzen, die definiert sind. Da, wo Menschen zusammen kommen. Das muss noch nicht mal die sagenumwobene Firmenkultur sein. Das kann auf Teamebene passieren. Oder in Abteilungen. Oder einer Schicht. Oder auch in Business Units.

Spannend wird es dann in den Grenzbereichen, wenn sich Organisationen mit unterschiedlichen Grenzen und Freiheiten aneinander reiben. Oft hakt es hier, es regiert auf beiden Seiten die Sturheit (was nebenbei auch und gerade ein Führungsproblem ist, meiner Meinung nach). Warum bewegen, das, was die anderen machen, ist doch voll toxisch!

Man könnte aber auch gegenseitige Grenzen respektieren. Eigene Freiheiten in diesem Umfeld ein wenig zurechtrücken. Darum bitten, die Grenzen auf der anderen Seite vielleicht etwas schwächer zu machen. Gemeinsam neue Freiheiten finden. Das System auf etwas höherer Ebene homogenisieren. Nicht durch Gleichschaltung. Sondern durch gegenseitige Inspiration und gegenseitigen Respekt.

Das wär toll, oder? Das wäre dann auch wirklich nicht toxisch. Und es wäre wirklich neue Arbeit.

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