Zankapfel Neue Arbeit
Über Neues Arbeiten kann man sich vortrefflich streiten. Vor allem, wenn man extreme Positionen einnimmt. Und das Thema persönlich nimmt. Was Gutes kommt dabei nie heraus. Am Ende kann man sich eher noch freuen, wenn überhaupt noch Arbeit passiert.
Wie viele andere Veränderungs-Initiativen scheitert auch New Work meist an Dogmen, am Festhalten von Althergebrachtem, an überzogenen Forderungen und vor allem daran, dass so manch eine:r meint, es doch besser zu wissen als alle anderen. Und nein, das sind mitnichten nur die alten weißen Männer, auf die das zutrifft.
Frithjof Bergmann würde wohl im Grab rotieren, wenn er mitbekommen würde, wie viele Unternehmen das Thema angehen. John Kotter schüttelt darüber wahrscheinlich nur den Kopf. Und ich, naja, ich muss mich oft genug zusammen reißen, entsprechende Transformationsvorhaben und ihre Initiatoren nicht einfach auszulachen. Das wäre oft nämlich angebracht. Wenn, ja, wenn das Thema nicht so scheiße-ernst wäre und mir da so überhaupt nicht zum Lachen zumute ist.
Denn mal ehrlich, wir sehen doch mittlerweile, wo der Hase lang läuft. Überalternde Gesellschaften, Wegfall ganzer Industriezweige durch Technologisierung, Informationsüberflutung und Meinungsmanipulation im großen Stil. Und nebenbei ein Planet, der brennt. Tja.
Wir können in ganz vielen Bereichen einfach nicht mehr so arbeiten, wie wir das gewohnt sind. Wir können vielleicht auch nicht mehr unsere alten Maßstäbe von Produktivität an Arbeit anlegen. Wir können uns auch nicht mehr auf dem Wohlstand von vorgestern ausruhen. Gesellschaft wird sich verändern (und sie wird sich, wenn wir das nicht steuern, nicht zum Guten verändern, das ist ja bereits absehbar bis offensichtlich) und damit verändert sich auch Arbeit. Alte Arbeit ist tot. Sie weiß es vielleicht nur noch nicht.
Aber was ist dann neue Arbeit? Haben Bergmanns Ideale, die jetzt auch schon 40+ Jahre auf dem Buckel haben, noch Bestand? Und falls ja, haben wir sie wirklich verstanden? Ich fasse mich kurz und sage mal: naja, haben sie vielleicht teilweise und nein, verstanden haben wir sie nicht.
Wenn wir Neue Arbeit als Marketinginitiative (oder Employer Branding begreifen), dann machen wir was falsch (wenn wir das Ganze auch noch als Firmenname wählen, dann machen wir übrigens sogar richtig was falsch, just sayin …). Wenn wir andere einfach nachmachen, dann machen wir was falsch. Klar kann ich mir gegenseitig Obstkörbe, 4-Tage-Wochen, Homeoffice, Sabbaticals zu- oder bei Bedarf auch vorwerfen. Aber wer, zum eigenen Benefit oder mangels besserer Kenntnis, Neues Arbeiten an solchen Dingen fest macht, der hat es halt einfach nicht verstanden.
Aber was kann und sollte Neues Arbeiten sein?
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Anstrengend. Und zwar für alle Beteiligten. Weil alle sich umstellen müssen (mitunter radikal) und jede einzelne Person einsehen muss, dass es nicht um sie allein geht. Egal ob man jetzt seit 40 Jahren Geschäftsführer ist oder direkt nach der Uni in den ersten Job purzelt.
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Zielführend. Nicht im Sinne klassischer Gewinnmaximierung. Sondern im Sinne des Erhalts einen (durchaus labilen), aber nachhaltigen und lohnenden Gleichgewichts zwischen den Interessen aller. Ist das profitabel? Kurzfristig nicht. Langfristig schon.
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Biegsam. Mit einer Wirtschaftswelt, die sich ständig ändert, kann keine Strategie dauerhaft Bestand haben. Transformationsvorhaben im Großen, aber auch Meinungen im Kleinen brauchen deshalb ein hohes Maß an Flexibilität.
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Neugierig. Niemand weiß alles, aber alle sollten danach streben, mehr zu wissen. Die Bereitschaft zu lernen ist essenziell für Neues Arbeiten. Denn nur aus neuem Wissen und tiefem Verständnis erwachsen die neuen Perspektiven, die es braucht, um als Team, als Organisation wirklich mehr zu erreichen, ohne Ressourcen dauerhaft zu verbrennen.
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Individuell. Jede Organisation ist anders. Jeder Mensch ist anders. Und dem muss Neues Arbeiten Rechnung tragen. Es geht eben nicht immer um Selbstbestimmung und Autonomie, es gibt mehr als genug Menschen, die Anleitung und Führung haben wollen. Die Ungeduldigen mögen drängeln, aber nicht alle sind so beweglich wie die Progressiven, die vorpreschen. Organisationen haben einen Impuls, und dessen Richtung zu ändern, das braucht Energie und Zeit. Und, tja, ne Richtung, die sich eine Organisation aber immer nur selbst geben kann. Geben muss, tatsächlich. Denn die beste Richtung, die gibt es nicht.
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Transparent. Und zwar schonungslos transparent. Macken und Fehler müssen sichtbar sein, damit man sie aus dem Weg räumen kann. Für Entscheidungen muss Verantwortung übernommen werden, damit man sie anpassen oder zur Not auch revidieren. Vor allem aber müssen alle zu jeder Zeit die Chance haben zu wissen, woran sie sind.
Was Neue Arbeit dagegen nicht ist: ein Diktat. Denn das kann nur scheitern. Neue Arbeit kann nicht dort entstehen, wo andere die Kosten für die eigenen Entscheidungen und Vorlieben schultern müssen. Neue Arbeit geht nur zusammen. Mit Rücksicht, mit Sichtbarkeit. Und damit auch mit nachhaltigem Wachstum. Wer das begriffen hat, kann auch neu arbeiten. Und damit an Neuem arbeiten. Wovon Organisationen profitieren. Kurzfristig durch mehr Motivation und niedrigere Krankenstände. Mittelfristig durch mehr Transformationswillen, Loyalität und Attraktivität als Anbieter und Arbeitgeber. Und langfristig durch anhaltende Innovationskraft und gesundes Wachstum.
Und eigentlich ist das auch gar nicht so schwer und auch heute noch in mancherlei Hinsicht deckungsgleich mit Bergmanns Vision von einer besseren Welt. Der erste Schritt? Zu erkennen, dass ein lohnender Weg dahin, dass du es besser hast, darin liegt, dass du dafür sorgst, dass „alle“ es ein wenig besser haben. Und damit ist der Schlüssel zu nachhaltig besserer Arbeit selbst im KI-Zeitalter noch eins: zutiefst menschlich.
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