Nebelhorn

Nebelhorn

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 30. September 2025

Mein lieber Scholli, ist dat heute neblich! Groß in die Welt gucken is heute nich.

Also schauen wir heute mal besser nach innen. In Unternehmen hinein. Genauer gesagt, in die Unternehmen, die beschlossen haben, dass Agilität tot ist (denn das behauptet man ja heute gerne mal).

Was das mit Nebel zu tun hat? Schau’n wir mal. Eigentlich eine ganze Menge. Man fühlt sich unwohl, es ist gerne mal nass und kalt, die Orientierung fällt schwer, das Sicherheitsbedürfnis steigt. Man hat eine Vorstellung davon, wo man hin möchte, aber der Weg dorthin, der liegt im Verborgenen. Die Gefahr abzudriften und sich zu verlaufen? Stets präsent.

Und? Rede ich jetzt von Nebel oder von Agilität? Eigentlich von beiden; nur bei „nass“ komme ich vielleicht bei der Agilität ein bisschen in Erklärungsnot. 😁

Wohlgemerkt rede ich davon, was Agilität als Organisationsprinzip und Transformationsansatz praktisch so mit uns macht. Nicht davon, was sie eigentlich sein sollte. Nämlich die Lösung für genau das oben genannte. Agilität sollte uns gegen den Nebel helfen. Stattdessen wird sie in den meisten Fällen selbst zum Nebel. Und das ist, zumindest meiner Meinung nach, auch der Grund für den Abgesang auf sie.

Viele Organisationen haben sich mit der agilen Transformation gründlich verhoben, und ja, in einigen Fällen vielleicht damit auch etwas angepackt, was sie besser hätten liegen lassen sollen, weil es so gar nicht zu ihnen passt.

Agilität, das sind nicht einfach irgendwelche Praktiken, das sind Werte. Hier geht’s nämlich nicht einfach nur um Business, hier geht’s um Menschen. Werte also. Leuchttürme könnte man fast schon sagen, um im herbstlich-maritimen Thema zu bleiben. Hervorheben möchte dabei vor allem die folgenden vier: Verantwortung, Kollaboration, Neugier und Sicherheit. Das sind sicher nicht die einzigen. Aber wenn euch auch nur einer dieser Werte egal ist, dann ist Agilität nichts für euch. Und sie wird bei euch scheitern oder zum Feigenblatt der Modernität verkümmern.

Gehen wir das mal durch.


Punkt 1: Agilität funktioniert nur dort, wo man verantwortungsvoll mit seinem Thema und seinem Umfeld umgeht. Wer seine Arbeit nicht ernst nimmt und dafür Verantwortung übernimmt, der kann überhaupt nicht agil sein. Das muss nicht unbedingt durchgängig sein. Aber dieses Verantwortungsbewusstsein muss es auf bestimmten Organisationsebenen geben. Die meisten versuchen, das von unten nach oben durchzureichen. Der Gag: das ist genau der verkehrte Weg. Du kannst wunderbar agil sein, wenn dein operativ arbeitendes Personal keinen Bock auf Verantwortung hat und total autoritär geführt werden will. Solange diese Leute Vorgesetzte haben, die wirklich Verantwortung übernehmen, klappt das trotzdem.

Umgekehrt geht es aber immer schief. Wenn Führungskräfte für ihre Leute, ihr Budget und vor allem ihre Entscheidungen keine (meist sogar bedingungslose) Verantwortung übernehmen, dann scheitert Agilität. Immer. Fang ganz oben an. Denn nur das gibt Richtung und Klarheit. Nur so sieht’s nicht wie eine Schnappsidee aus, in den Nebel hineinzusteuern. Oder lass es gleich – wer Ownership anderen auf diktiert (schlimm genug!), aber keine Verantwortung übernimmt, hat’s nämlich nicht mal ansatzweise verstanden.


Punkt 2: Wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, mag das gut genug klappen. Der Schlüssel, die richtig dicken Sachen anzugehen, also die, die uns eigentlich eher einschüchtern, die uns vielleicht Angst machen, das erfordert Zusammenarbeit. Zusammenhalt. Kollaboration halt.

Die wirklich komplex-komplizierten Herausforderungen brauchen unterschiedlichste Perspektiven, Fähigkeiten und Vorgehensweisen. Hier und da gibt es große Innovatoren, die das tatsächlich allein in ihrem Kopf leisten können (bzw. die sich einbilden, das zu tun). Alle anderen tun gut daran, zusammenzuarbeiten. Auch das stärkt das Sicherheitsgefühl. Und auch den Mut, den man dem Unbekannten gegenüber zeigt. Stärken können sich ergänzen, Schwächen können gemeinsam kompensiert werden, neue Sichtweisen eröffnen ganz neue Wege.

Oder du fährst die Ich-Show. Kann auch klappen. Ist dann nur nicht agil.


Punkt 3: Niemand ist so blöd und fährt über den nebligen Waldweg, wenn es direkt nebenan eine gut ausgeleuchtete Autobahn gibt. Es sei denn, es gibt da etwas zu entdecken. Einen, neuen, kürzeren, besseren Weg. Eine neue Antwort auf bekannte Fragen. Oder noch besser: Neue Fragen.

Agilität, das ist nicht nur das Eingeständnis, dass man ganz viele Dinge zu Beginn nicht wissen kann, sondern auch die Motivation, diese Dinge in Erfahrung zu bringen. Das große Geheimnis, die fantastische Entdeckung Stück für Stück zu enthüllen. Sich ins Labor zu stellen und zu experimentieren. Den Mut und Antrieb zu haben, Dinge auszuprobieren, weil man sonst niemals wissen wird, ob sie klappen werden.

Und natürlich allen zuzugestehen, genau das zu tun. Agile Neugier ist nämlich kein Privileg weniger. Sie ist im besten Fall ein Werkzeug aller.


Punkt 4: Bisher klang das alles hip new-worky, ich weiß, deshalb jetzt mal was scheinbar dröges: Sicherheit. Genau, schnarchig. Und dass das jemand im Kontext von agilen Transformationen erwähnt, ist schon eher selten.

Wir wollen ja gerade aus der angeblichen Komfortzone raus, wir fahren in den Nebel, in unbekannte Gewässer.

Aber mal ehrlich: willst du das mit einer Crew tun, die sich in ihren Kajüten versteckt, weil’s da draußen so ungemütlich ist? Wohl kaum. Doch damit man sich auf die Geschichte einlässt, braucht es Sicherheiten. Es braucht die Sicherheit, Schritte ins Unbekannte tun zu dürfen, ohne dass jemand meckert. Die Sicherheit, Fehler machen zu dürfen, ohne dass man sie vorgehalten bekommt. Die Sicherheit, dass Menschen zu ihren Entscheidungen stehen. Und die Sicherheit, dass jemand einen festhält, wenn man zu stürzen droht. Dass niemand zurückgelassen wird, auch wenn man mal strauchelt.

Ohne Sicherheit kein Wille zur Veränderung. Und ohne WiIle zur Veränderung. Keine Agilität.


Kannst du das alles leisten? Dann ist Agilität noch lange nicht tot. Wenn nicht, ist auch okay. Das ist einfach nicht dein Ding. Agilität funktioniert damit nicht bei dir. Dafür kann sie aber nichts. Und klarkommen musst du damit.

Und ich. Ich muss offenbar mal ganz dringend wieder ans Meer. 😀

PS: Und bevor jetzt jemand kommt und sagt: Aber Hendrik, du hast Transparenz ganz vergessen. Oder X. Oder Y! Schau dir das nochmal genau an, und überleg dann mal, ob eine konsequente agile Umsetzung der vier Werte oben nicht zwingend dazu führen muss, dass Transparenz, oder X, oder Y entstehen müssen. 😉

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