Märarbeit
Hallo mal wieder.
Wir sind alle nicht leistungsfähig genug und müssen alle viel mehr arbeiten (ah, und wir sind alle viel zu oft krank!). Sagt ein bekannter hochrangiger deutscher Staatsmann, von dem zumindest ich behaupten würde, dass er das vor allem durch sein eigenes Wirken im ersten Regierungsjahr eindrucksvoll unterstreicht, wie sinnfrei das eigentlich ist.
Also mehr Arbeiten. Aber stimmt das eigentlich? Rettet mehr Arbeiten die Wirtschaft? Oder ist das einfach nur eine beliebte Erzählung, um Verantwortung in Richtung Arbeitnehmer zu verschieben. Ein Märchen? Und wenn dem so, was bringt dann richtig was? KI? Klar! Oder auch nicht so klar. Denn auch das könnte ja ein Märchen sein. Oder?
Heute machen wir also einen kleinen Ausflug in den Märchenwald und kommen dabei wahrscheinlich zu einigen eher ernüchternden (wenn auch, dann nüchtern betrachtend, wenig überraschenden) Erkentnissen.
Und wenn du gerade in Eile bist, hier dein tl;dr: Nein, mehr Arbeiten bringt in den meisten Fällen gar nichts. Vor allem bei Wissensarbeitern nicht. Und nein, KI macht das auch nicht besser. Im Gegenteil. Das macht es schlimmer. Viel schlimmer. Auch wenn zumindest das vielleicht nicht ganz so offensichtlich ist.
Es war einmal …
… ein Feudalherr, der kam auf die wunderbare Idee, dass seine Leibeigenen doch bitte mal ein bisschen mehr arbeiten sollten. Nützt ja nix wenn die auf der faulen Haut in der Sonne liegen, davon füllt sich die Schatzkammer ja nicht.
Da war noch alles einfach. Produktivität (P) = geleistete Arbeit (A). P = A. Fast kein Mathe. Das versteht auch der Chef.
Mehr anstrengen also. Damit geht die Produktivät hoch. Es wird mehr umgegraben, mehr gepflanzt, die Kinder klöppeln mehr Kohle aus dem Bergwerk. Alles tutti. Aber leider auch begrenzt. Denn dauerhafte Mehranstrengung, am besten auch noch bei Kürzung der Leistungsbezüge (wohl hier eher Eigenbehalt), erschöpft die Leibeigenen leider dauerhaft. Damit leisten sie weniger. Machen mehr Fehler. Und sie werden häufiger krank. Und sterben uns weg. Kurzfristig fließt also mehr in die Schatz- und Vorratskammern. Langfristig kostet das aber auch was, und das leider nicht-regenativ. Und deutlich. Und irgendwann fließt dann gar nichts mehr in die Vorratskammer, der Nachbar sieht, dass meine Soldaten vor lauter Überstunden und nur durch billigen Märchendöner genährt kaum noch ihre Pike gerade halten können und wirft mich von meiner eigenen Burgmauer. Tja.
Mit Rennaissance und Industrialisierung haben wir das dann aber super in den Griff bekommen. Da kam man nämlich auf die Idee, dass sich manuelle Arbeit durch den Einsatz von Maschinen ja deutlich steigern lässt. Mühle, Webstuhl, Dampfmaschine, Fließband. Aus P=A wird P=AX. Und X als produktionssteigernder Faktor wurde dabei immer größer. Dumm nur, dass die Leibeigenen, äh, Arbeiter das zum Anlass nehmen wollten nicht mehr 65 Stunden in der Woche zu arbeiten. Die wollten dreisterweise was vom Kuchen abhaben. Hungerlohn war denen nicht genug. Dabei habe ich als Feudalherr, äh, Unternehmer doch die ganzen Webstühle selber bezahlt. Naja, dann gebe ich halt was ab, ist P nicht mehr A100 sondern nur noch A*80. Damit erkauft man sich wenigstens ein bisschen Ruhe. Zumindest bis wieder irgendeine Gewerkschaft aufmuckt.
Eigentlich läuft jetzt also alles, aber mit mehr Produktivität steigt auch der Verwaltungsdruck. Und beliebig schnell schreiben und wegheften geht halt nicht. Auch da gab es natürlich Innovationen, die geholfen haben. Vom Buchdruck über die Schreibmaschine bis zum Taschenrechner. Wunderbar, das läuft alles besser als das Schreien über Klostermauern, damit irgendwelche Chronisten da die BWA in die Firmenchronik pinseln.
Und dann: Halbleiter, Computerzeitalter; Wissensarbeit und Dienstleistung wird zum treibenden Faktor. Die Faktoren in unserer P-Gleichung werden mittlerweile absurd hoch, aber auch der Konkurrenzdruck wächst. Die Komplexität der Gebilde, die unser X stützen, steigt ins unermessliche. Außerdem beginnen einige rebellische Stimmen zu behaupten, dass von den Ökonomen in strahlenden Lettern aufgestellte Bild des grenzenlosen Wachstums stimme überhaupt nicht. Und plötzlich überall diese Demokratien mit ihrer überbordenden Bürokratie, die unser X wieder auffrisst.
Wir landen plötzlich in einer Zeit, in der wir überhaupt nicht mehr verstehen, wie sich unser X zusammen setzt. Was trägt dazu bei, was klaubt wieder was weg? Seien es äußere Faktoren, sei es die Tatsache, dass wir Dinge tun, die X verringern anstatt es zu erhöhen, nur weil wir keine Zeit mehr haben darüber nachzudenken, was X überhaupt ist.
Irgendwann wird X dann zu einer Konstante. Und zwar zu einer die kleiner ist als das X der globalen Konkurrenz. Wenn X aber für uns unveränderlich ist, weil wir den kompletten Draht dazu verloren haben, wie es sich zusammen setzt, was bleibt dann noch, um P zu steigern? Genau: A. Also mehr Arbeit. Obwohl wir wissen, dass A viel, viel kleiner ist als X. Und der gute Feudalherr in uns auch weiß, dass A sich abnutzt, wenn es überstrapaziert wird.
Leider können viele Feudalherren nicht gut rechnen, und wenn sie dann solche Sachen aufstellen, dann gehen Rechnungen nicht auf. Das sollte eigentlich auch kein Problem sein, denn das Feudalzeitalter ist ja lange vorbei. Oder? Oder ist es vielleicht einfach wunderbar bequem, am A zu drehen, wenn man zu faul ist, sich mit X auseinanderzusetzen?
Und was ist eigentlich, wenn X natürlich begrenzt ist? Betreuung, Pflege, medizinische Versorgung, Infrastruktur, dass alles erfordert immer noch ganz viel manuelle Arbeit. Unsere größten gesellschaftlichen Treiber sind halt keine Wissensdienstleistungen. Das ist alles immer noch das harte Zeug wie früher. Und oh Wunder, dauerhaft zu viel harte Arbeit macht Menschen kaputt. Idealismus und Beifall klatschen trägt halt nur bedingt weit. Hier braucht es also nicht einfach mehr Arbeit pro Kopf, sondern mehr Arbeitende. Um die dazu zu bringen, in solche Jobs zu gehen, gibt es eigentlich nur zwei Wege (mit vielen Abstufungen dazwischen). Zwingen oder attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Aber, je mehr ich zwinge, desto geringer der positive Effekt. Nochmal: Tja.
Und damit sind wir eigentlich auch schon bei Grenzen und Verlustleistung. Randbedingungen, ob von außen oder von innen kommend, beeinflussen nämlich A und X. Das ist nicht neu, fiel uns aber schon im Digitalzeitalter gehörig auf die Füße.
Vieles, was ich da machen kann, steigert zwar X, aber zu einem Preis. Oft übersteigt der Preis dann auch das, was die Steigerung von X mir eigentlich bringen sollte. Und leider sorgt allzu häufig das Schrauben an X sogar dafür, dass A sinkt.
Wie schon eingangs erwähnt, X ist keine einfache, greifbare Zahl wie 7.314, sondern ein komplexes Konglomerat von Best Practices, Prozessen und Werkzeugen. Klar, dass sich da mal was ins Gehege kommt. X ist ein zartes Pflänzchen. X braucht Pflege. Und die bleibt, oft dank der Verbissenheit, X partout steigern zu wollen, ganz oft auf der Strecke. Ganz viele Dinge, die 1990 Sinn ergeben haben, stecken immer noch X. Obwohl das Dinge sind, die objektiv betrachtet heutzutage absurd sind. Und damit kein Beschleuniger mehr sind, sondern eine Bremse. Machen Aufwand, kosten Ressourcen, bringen aber einfach garnichts.
Hier passiert, gerade heute im KI-Zeitalter, dann was ganz fatales. Man sagt nämlich nicht “Weg mit dem Shice!”, was eigentlich das vernünftige wäre, sondern man sagt “Lass uns das automatisieren, dann ist der Shice viel effizienter!”. Klingt von außen betrachtet nicht mehr sooo toll, oder?
Das wäre vermeidbar, erfordert aber dass jemand nicht nur die Frage stellt “Ist das Shice?” sondern vor allem auch die Ressourcen hat, diese Frage zu beantworten. Ich behaupte mal salopp, vieles von dem, was an Ressourcen heute in Automatisierung und Effizienzsteigerung gesteckt wird, wäre in der Beantwortung dieser Frage und damit einer Steigerung der Effektivität deutlich besser aufgehoben.
Es hat aber selten jemand Zeit und Lust, diese Frage zu stellen. Warum eigentlich? Naja, Faktor A. Den fahren wir nämlich heutzutage eh schon ganz oft an der absoluten Grenze. Und damit die Menschen in die Überforderung. Und die entsteht hier (zusätzlich zur reinen Arbeitszeit, die immer noch in vielen Branchen viel zu hoch ist), weil wir immer mehr in kognitiver Dauerlast fahren. Dafür ist unser Gehirn (genau wie der Rest unseres Körpers) aber nicht ausgelegt. Bei körperlichen Belastungen haben wir das in vielen Fällen zumindest teilweise begriffen (auch wenn viele Arbeitgeber da regelmässig dran erinnert werden müssen, notfalls vom Zoll oder vom Gericht).
Bei kognitiver Last nicht. Und das ist übel, richtig übel. Wir (und das schließt mich mit ein) reden schließlich immer gerne darüber, dass man doch Routinen so wunderbar automatisieren kann. Dann wird der Kopf frei. Super.
Ganz ehrlich, ich halte das auch für den richtigen Ansatz. Wenn… ja wenn wir den freien Kopf dann nicht mit zusätzlichen Aufgaben zuknallen, die noch mehr kognitive Last erzeugen. Die noch mehr Konzentration, Logik, Wissensverknüpfung und strategisches Denken erfordern. Das klappt einfach nicht. Und wir wissen das auch. Deshalb versuchen wir auch verzweifelt die frei werdende Zeit mit dämlichen neuen Aufgaben zuzuknallen. Damit das Gehirn ne Chance hat, sich zu erholen. Du wunderst dich über zu viele Meetings, die zu allem Überfluss auch garnichts bringen? Oder über Sonnenscheinaufgaben, die nichts auf die Wertschöpfung einzahlen? Es gibt einen guten Grund, dass dieser ganze Kappes (wie wir das im Pott gern nennen) da ist. Weil du den Leuten zu viel andere Dinge, die sie halb auf Autopilot erledigen können, wegnimmst. Und gleichzeitig auf die Wochenarbeistzeit pochst, damit Dampf (oder in dem Fall besser heiße Luft) auf dem Kessel bleibt.
Und in die Kerbe schlägt jetzt KI als neuer Produktivitätsmultiplikator. Die erledigt noch mehr Routinen, und das ätzenderweise auch noch meist in einer Art und Weise, der wir nicht vertrauen können. Sprich, KI nimmt uns die kognitiv entlastenden Aufgaben ab und wir müssen am Ende auch noch die Ergebnisse kontrollieren – das ist nicht nur kognitiv fordernd, das ist auch noch ätzend langweilig.
“Ja, aber doch nur bei Sachen die unternehmenskritisch sind!” höre ich euch da sagen. Jau. Aber Kevin-Radegast, wenn die Sachen nicht unternehmenskritisch sind, warum machst du sie dann überhaupt? FOMO bei denen 600 Newsletteremails? Weil jemand Langtexte schreiben muss, und man das nicht mehr manuell macht? Damit sich der Leser die von der KI zusammen fassen lässt, weil man ja so lange Texte nicht mehr liest?
Ich finde das wenig überzeugend. Und dann kommt da noch die wunderbare Gewöhnung zu. Oder sagen wir besser die Abgewöhnung. Weil das alles so anstrengend und fordernd ist, was für uns da noch übrig bleibt, leidet unsere Aufmerksamkeit. Und nicht nur die, es leidet unsere gesamte Fähigkeit zur Metakognition. Nichts wird mehr unter die Lupe genommen. Nichts ist mehr herausfordernd. Nichts ist mehr interessant. Nichts motiviert uns mehr zum Nachdenken. Und vielleicht ist damit auch nichts mehr wichtig.
Das keine Produktivitätssteigerung. Das ist der Weg in die psychische Krise.
Und das sag ich. Ich bin hier der Kommando-Piepmatz, wenn’s um Prozesseffizienz geht. Ich bringe Automatisierung und KI in die Firmen. Aber soll ich euch was sagen? Ich mach das nicht einfach, um die Produktivität beliebig weiter steigern. Ich mach das, damit A in vernünftigen Bahnen verlaufen kann. Ich möchte, dass Pflegekräfte keine 48-Stunden-Schichten mehr fahren müssen. Dass der Paketbote nicht abends um 9 noch die Leute vom Sofa klingeln muss (was beide Parteien in aller Regel ungeil finden). Und vielleicht auch, dass Wissensarbeiter nicht ihren Verstand verlieren. Ich bin nämlich selber einer. Und ich mag meinen Verstand. Sehr.
Und ich glaube dass wir unseren Verstand dringend für das brauchen, was sich an kleinen und auch globalen Herausforderungen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vor uns aufbaut. Dafür müssen wir wach sein, denken können, verstehen können. Das braucht Platz. Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen Produktivität und Entlastung. Wir brauchen ein kluges X. Damit A bleibt, muss A schrumpfen dürfen – kluges X kompensiert das mehr als genug.
Was wir nicht brauchen sind Forderungen nach mehr Arbeitswillen, eine falsch verstandene Leistungsgesellschaft und die Illusion von Effektivität. Ansonsten können wir uns auch direkt mit irgendwelchen Sagengestalten an einen Tisch setzen. Denn diese Narrative zu bedienen, das ist maximal Märarbeit.
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