Garnicht so einfach.
Nicht alles ist einfach. Vieles ist sogar gar nicht einfach, sondern eher anstrengend. Das ist einerseits für diejenigen dann beschwerlich, die sich in ein Thema oder eine Problemstellung einarbeiten wollen. Und andererseits auch für die, die das schon getan haben und dann regelmäßig gegen eine Wand der Ignoranz laufen, denn Dinge, die nicht einfach sind, möchte halt nicht jeder hören.
Das soll auch keine Kritik an der Faulheit sein. Faulheit ist doch eigentlich der beste Motor für Innovation und Wandel. Ochsenkarren schlägt Rucksack, wenn die Lasten den Hügel rauf müssen. Zug (zugegebenermaßen, wenn er denn kommt) schlägt Fahrrad, wenn man von München nach Berlin möchte. Und Mikrowelle schlägt Herd, wenn das Gemüse von gestern warm besser schmeckt als kalt.
Einfache Antworten und Zusammenhänge haben auch ihre Berechtigung. Wenn die Katze das Glas vom Tisch wirft (gestern erst erlebt, danke, Katze), müssen wir daraus jetzt weder eine politische Diskussion noch eine physikalische Untersuchung machen. Der Zusammenhang von Katze–Pfote–Glas–Klirr ist aus der Beobachtung gut herleitbar. Da hat eine einfache Antwort, eine einfache Entscheidung und eine daraus resultierende Reaktion (Katze anmotzen und Kehrschaufel holen) seine totale Berechtigung.
Aber das meiste, was uns bewegt, hat eben keine einfachen, klar zu identifizierenden Ursachen. Die Fragen, die wir dazu stellen, haben keine einfachen Antworten. Und die Entscheidungen, die wir auf diesen dann auf den natürlich trotzdem kommenden einfachen Antworten treffen, sollten dann auch nicht einfach sein. Wenn sie es sind, dann sind sie auch gerne mal (oder eigentlich immer) falsch. Wobei der Begriff falsch vielleicht auch hier zu einfach ist. Sagen wir besser, die Zahl der negativen Konsequenzen überwiegt die der positiven.
Mein Lieblingsbeispiel, auch weil es die Gemüter besonders vieler gerade bewegt, ist die Arbeitszeitdebatte. Die fetten Jahre sind vorbei (da sind wir uns einig), also müssen alle mehr arbeiten. Logisch. Also logisch, bis man mal genauer hinschaut.
Denn Arbeitszeit und Produktivität sind nicht linear korreliert. Heißt, mehr Arbeit bedeutet nicht mehr Produktivität.
Die hängt nämlich von der Arbeitseffizienz ab und zu der tragen sehr, sehr viele Faktoren bei: Technologisierungs- und Automatisierungsgrad der Tätigkeit, Motivation und Gesundheitszustand der Tätigen, Komplexität der Aufgabe und noch viel mehr. Die Korrelation zur Arbeitszeit dagegen ist eher schwach. Die Kurve, die Arbeitszeit mit Produktivität in Verbindung setzt, hat dementsprechend auch eine interessante Form. Bis deutlich unter 40 Stunden geht sie steil nach oben, hin zu unseren üblichen Arbeitszeiten bleibt sie dann stabil bzw. sinkt leicht. Ab 45 Stunden geht es steiler bergab, ab 50 Stunden sind wir im freien Fall. Da greift der gut untersuchte Pencavel-Effekt.
Die wissenschaftliche Lage ist also eindeutig. Sie zeigt das Gegenteil von dem, was Politik und Wirtschaft gerne propagieren. Dort zieht man die einfache Antwort vor. Auch wenn diese schädlich für die Gesamtheit ist und der wissenschaftlichen Faktenlage widerspricht. Warum? Weil es keine triviale Lösung für den wirtschaftlichen Abschwung gibt (erst recht nicht wenn man Jahrzehntelang alles, was der Produktivität sonst noch gut getan hätte, verpennt oder zugunsten der Shareholder oder des Haushalts verschoben hat). Sondern nur welche, die von ausnahmslos allen Beteiligten unschöne Opfer und eine Menge Engagement erfordern. Das ist nicht angeblich wählertauglich und es nicht gut fürs eigenen Bankkonto. Also dann doch lieber die einfache Antwort. Die wird das Problem einfach nur zeitlich etwas verschieben, aber dann ist es ja vielleicht einfach das Problem von jemand anderem.
Ein Muster, das wir kennen. Klimaschutz ist auch so ein Thema, in dem dieses Muster greift. Gerade jetzt sehen wir, dass das derzeitige Vorgehen (respektive dessen Ausbleiben) nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch volkswirtschaftlich eine ziemliche Katastrophe ist. Übrigens eine, die ebenfalls nicht aus dem Nichts kommt, sondern die ebenfalls präzise prognostiziert worden ist. Die Lösung (auch wenn das gerne so präsentiert wird) ist trotzdem nicht trivial. Der Klimawandel ist komplex, der Klimaschutz, der benötigt wird, damit wir ihm effektiv begegnen natürlich auch. Alles abschalten ist keine Option. Nur, bloßes Ignorieren des Problems auch nicht. Und die einfache Antwort: „mal abwarten“ erst recht nicht.
Und so zieht sich das durch. Sozialsysteme reformiert man nicht, wenn man sie isoliert für sich betrachtet. Globale Konflikte beendet man nicht durch ignorieren. Schwindende Märkte rettet man nicht durch den künstlichen Erhalt von Produkten und Dienstleistungen, die niemand mehr benötigt. Rechenzentren sind doch etwas mehr als Umweltverschmutzer. LLMs nehmen nicht immer das wahrscheinlichste nächste Wort. Und trotzdem ist der Informationsgehalt einer KI-Zusammenfassung nicht derselbe wie der einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.
Keine wirklich relevante Frage ist je einfach. Jede Problemstellung mit Impact, egal ob für ein Individuum, für eine Organisation, für die Gesellschaft oder für die Menschheit ist komplex. Und keine, ausnahmslos keine komplexe Frage hat eine einfache Antwort. Wege aufzeigen kann an der Stelle systemtheoretisches Denken. Die Faktenlage kann unterstützend wirken, und Statistiken können nicht nur helfen Trends besser einzuschätzen, sie können auch helfen einzuschätzen wie falsch man vielleicht mit seiner Antwort liegt. Und dieser Antwort muss damit immer die harte Wahrheit zu Grunde liegen: Egal wie gut ich etwas untersuche, ich habe niemals ein vollständiges Bild. Ich sollte aber eine Vorstellung davon haben, was ich nicht weiß. Und mit welchen anderen Themen mein Thema verbunden ist. Dazu gehört also auch ein aktiver Austausch. Regelmässige Prüfung. Und viel, viel Anstrengung, Zusammenhänge zu verstehen.
Was solche Problemstellungen nicht brauchen ist Kompartmentalisierung. Wir sind nicht das sowjetische Raumfahrtprogramm, Geheimhaltung und Systemdenken gehen nicht zusammen. Wer keine wichtigen Informationen hat, wer die Konsequenzen seines Handelns nicht bestimmen kann, der trifft nicht die richtigen Entscheidungen. Das gilt schon im Kleinen, aber erst recht die Fragen, die uns irgendwie alle betreffen.
Was sie ebenso wenig brauchen, das ist Ignoranz. Das können wir Wirtschaftsbossen und Politikern natürlich gerne vorwerfen, denn die liefern ja Antworten. Wichtiger wäre es aber, sich selbst auch dabei an die Nase zu fassen. Denn einfache Antworten bekommen wir, weil wir nicht willig sind, uns mit den komplexen Antworten auseinanderzusetzen. Weil wir die Vielschichtigkeit dieser Antworten nicht aushalten (Stichwort Ambiguitätstoleranz). Und weil vielleicht nichts wirklich umsonst ist. Zumindest dann nicht, wenn man die Systemgrenze der Beobachtung nicht so eng zieht, dass jeglicher Verlust immer jenseits dieser Wahrnehmungsgrenze stattfindet (und genau das ist im Übrigen das beste Beispiel für Ignoranz).
Politische Reformen müssen beginnen, dem Rechnung tragen. Change Management in Organisationen ebenso. Und auch Menschen müssen lernen, multiperspektivisch, kritisch und objektiv mit den großen Problemstellungen umzugehen. Gerade weil sie von diesen auch selbst nur allzu leicht betroffen sind und jede einfache Antwort nur eine weitere Sackgasse ist.
Sie möchten mehr zu diesem Thema wissen?
Kontaktieren Sie uns gerne für ein unverbindliches Gespräch. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen die passende Lösung für Ihre Herausforderungen zu entwickeln.
Jetzt Kontakt aufnehmen