Das IT-Fachkräfte-Paradoxon

Das IT-Fachkräfte-Paradoxon

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 20. Februar 2024

Hiring ist total kaputt. Das hört man an vielen Stellen.

Ich denke auch, dass es hier viele Probleme gibt, aber so richtig beurteilen kann zumindest ich es nur dort, wo es um digitale Spezialisten, also vor allem um IT- und Softwareentwicklungs-Fachkräfte und -Positionen, geht. Und da haben wir das Spiel durchgespielt. Nichts passt mehr zusammen, wenn man engagierte junge Unternehmen und innovative Arbeitgeber aus dem Mittelstand mal außen vor lässt (die leider nur einen winzigen Teil des Arbeitsmarktes ausmachen).

Immer mehr Fachkräfte im Softwarebereich sind erwerbslos, und die Zahl der den Jobcentern gemeldeten Stellen sinken ebenfalls (Quelle). Internationale Unternehmen und schnell wachsende Einhörner wie auch amerikanische Technologiekonzerne schicken gleich tausende von Mitarbeitern auf die Straße.

Und in Freelancerkreisen tauschen wir uns in den vergangenen Monaten über immer weniger Projektangebote, massiv gesunkene Stundensätze und neuerdings auch über die abrupte Kündigung von Langläufer-Verträgen aus.

Das ist die Wirtschaftslage, kann man jetzt sagen. Die wird aber nicht besser werden. Denn diesen signifikanten Einbrüchen in der Beschäftigung digitaler Spezialisten steht eine gewaltige (und stetig steigende) Zahl an fehlenden Fachkräften gegenüber, ohne die man global nicht konkurrenzfähig bleiben wird. Paradox, oder?

Auf den ersten Blick ja. Scheinbar. Hier mal einige mögliche Ursachen für diese vertrackte Problematik:

tl;dr du weißt nicht, was du suchst, du suchst an der falschen Stelle, und du gibst dir keine Mühe, dein eigenes IT-Chaos erst einmal in einen Zustand zu versetzen, den Neuzugänge überhaupt erfassen und begreifen können

  1. Die Bezahlung von Digitalfachkräften ist über viele Jahre extrem gut gewesen und entsprach in vielen Fällen nicht Ausbildungsstand und Leistung der Fachkräfte. Das ist hausgemacht. Masse statt Klasse war, nein ist immer noch, die Devise. Leute sollen möglichst schnell und oberflächlich ausgebildet werden, damit sie schnell die Cloud am Laufen halten und die Software weiter entwickeln können. Natürlich geht das auf Kosten der Expertise. Der typische Coding-Bootcamp-Absolvent schreibt dir keine skalierbare, robuste und am besten noch BSI-konforme Plattform. Kann er nicht. Klar, dass du ihm dann keine 60+k Jahresgehalt zahlen willst. Wäre nur nett gewesen, die Menschen darauf hinzuweisen, dass sie mit digitaler Turboausbildung eben keine Chance auf einen guten Job haben. Und ebenso wäre es nett, die Höchstleister, die in Kleinstteams genau solche Lösungen aus dem Boden stampfen, auch entsprechend zu bezahlen.

  2. Unternehmen kennen ihre eigenen (und selbst gemachten) Herausforderungen nicht und suchen deshalb nach den vollkommen falschen Spezialisten. Technikwissen ist höchst flüchtig, was jetzt in ist, danach kräht in fünf Jahren kein Hahn mehr. Und deine Java-Unternehmenssoftware ist zwanzig Jahre alt und niemand weiß mehr, wie sie funktioniert. Denn der Typ, der sie gebaut hat, ist längst in Rente. Jeder, den du darauf ansetzt, wird damit nicht klarkommen. Egal, ob er Java kann oder nicht. Kein noch so guter Spezialist kann kompensieren, dass du über viele Jahre deine Hausaufgaben nicht gemacht hast.

  3. Der Trend geht auch zu immer mehr systemischer Komplexität, wenn es um IT geht. Spezialisten können keine Spezialisten mehr sein, weil sie alles Mögliche können müssen. Weil in deiner Firma alles Mögliche ausprobiert worden ist und deine neuen Angestellten natürlich von Anfang an alles beherrschen sollen. Irgendwie unrealistisch, oder?

  4. IT-Manager:innen und Entwicklungsleiter:innen sehen Tech-Hiring nicht als ihren Job an. Dabei liegt der zu 80 % bei ihnen, und HR kann ihnen das auch nicht abnehmen. Nur du als Leitung weißt (hoffentlich), welche Bedarfe ihr aktuell habt und was ihr benötigt. Da darf man sich auch mal ‘ne Woche hinsetzen uns das ausarbeiten. Nein, das muss man sogar. Und sei es, völlig unabhängig von Neuzugängen, um einfach selbst zu verstehen, wie der Laden läuft und wie man dafür sorgen kann, dass er das immer noch tut. Wer sich keine Mühe gibt, die eigenen Anforderungen zu verstehen, hat auch keine Chance, jemanden zu finden, der sie erfüllt.

Das ist ein ziemliches Dilemma, denn egal, an welchem Stellrad man da dreht, was Vernünftiges kommt nie dabei raus. Und das ist frustrierend. Für Bewerber, für Freiberufler und Dienstleister, und vor allem auch für die Unternehmen selbst, denen durch fehlende Fachkräfte ebenso wie durch falsch besetzte Stellen immense Kosten entstehen. Und bei denen sich, wie hier in Deutschland ganz besonders, durch stillstehende Digitalisierungsinitiativen massive wirtschaftliche Nachteile auf dem globalen Markt manifestieren.

Was kann man also tun? Einige Impulse, die wir leider in der freien Wildbahn nur selten sehen, sind etwa folgende:

tl;dr räum auf; schaffe Platz zum Lernen; verstehe, was ihr tut und warum; mach nicht alles selbst; und mach aus den Dingen, die du hast, das beste

  1. Modernisiere deine Technik und Software. Immer. Ständig. Und verwende Ressourcen darauf, die Komplexität der ganzen Geschichte, wo immer möglich zu reduzieren. Wenn dein Bestandsteam nicht 30 % seiner Ressourcen nutzt, Dinge zu vereinfachen und zu verstehen, dann läuft etwas falsch. Ach ja, und wirf weg, was keinen Nutzen mehr hat.

  2. Achte beim Hiring nicht einfach auf Tech Skills, sondern auf die nötigen Fähigkeiten, um schnell die passenden Tech Skills zu erlangen. Mathematische und informatische Grundkenntnisse zum Beispiel. Abstraktes Denkvermögen. Hohe Lernbereitschaft. Und natürlich auch gute Kommunikationsfähigkeit, denn IT ist schon lange keine Insel mehr. Wir sind im KI-Zeitalter. Keiner braucht mehr Programmierer. Wir benötigen Entwickler:innen. Und Softwareingenieur:innen. Wir benötigen Menschen, für die Lernen ein selbstverständlicher Teil der täglichen Arbeit ist. Und du musst ein Umfeld schaffen, in dem das auch möglich ist,

  3. Hol dir externe Spezialisten ins Haus. Die haben keine Scheuklappen auf und sehen Dinge, die dein Team schon längst nicht mehr sieht. Und sie können neues Wissen in bestehende Teams bringen, ohne dass du deine Leute auf (übrigens reichlich ineffektive) Schulungen schicken musst. Lagere aus, was nicht eurer eigenen Expertise bedarf. Lagere erst recht aus, wofür ihr überhaupt keine Expertise habt.

  4. Mache Hiring zu einer klaren Aufgabe deiner Führungskräfte (natürlich mit Unterstützung deiner HR). Nicht nur in der IT. Überall. Denn die richtigen Menschen einzustellen, das ist eine Führungsaufgabe. Was denn sonst?

  5. Jammer nicht überall rum, dass dir die richtigen IT-Fachkräfte fehlen. Bilde aus. Egal, ob es informell um Quereinsteiger aus anderen Unternehmensbereichen oder ganz klassisch um Azubis und studentische Hilfskräfte geht.

  6. Extrapoliere und verstehe deine Bedürfnisse von morgen. Denn heute Leute auszubilden (oder deren Ausbildung von Schulen, Staat oder dem lieben Gott zu fordern) in den Dingen, die du jetzt vermeintlich benötigst, lässt sowohl diese Leute als auch dich morgen im Regen stehen.

Eigentlich gar nicht so paradox. Und auch gar nicht so schwer. Nur mühsam. Und mit jedem bisschen Zeit, die man’s aufschiebt, wird es noch mühsamer. Bis es dann irgendwann unmöglich ist.

Sie möchten mehr zu diesem Thema wissen?

Kontaktieren Sie uns gerne für ein unverbindliches Gespräch. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen die passende Lösung für Ihre Herausforderungen zu entwickeln.

Jetzt Kontakt aufnehmen