Alles Faulpelze!

Alles Faulpelze!

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 19. März 2024

Vielleicht liegt es an den Streiks von GDL und Verdi, oder vielleicht auch an der 4-Tage-Woche. Fürs Sommerloch ist es definitiv noch zu früh. Aber momentan kräht es wieder von allen Dächern herab, dass die Arbeitnehmer in Deutschland zu wenig arbeiten. Deutsche haben zu viel Urlaub, feiern zu viel krank, da müssen doch wohl wenigstens vierzig Stunden Maloche, wie wir hier im Pott sagen, drin sein, oder? Erst recht, wenn wir so einen eklatanten Fachkräftemangel in Pflege, Handwerk und Hochtechnologie haben?

Lassen wir mal beiseite, dass solche Aussagen wahrscheinlich Angehörigen der Heil- und Pflegeberufe die Zornesröte ins Gesicht treibt. Dass Schichtarbeiter:innen wahrscheinlich bei solchen Äußerungen durchaus versucht sind, dem/der einen oder anderen Wirtschaftsexperten/in den wohl nur in Eigenwahrnehmung wohlverdienten Feierabendmargarita ins Gesicht zu kippen. Und vergessen wir auch einfach mal, dass Arbeitsmediziner, Soziologen und auch Anthropologen zunehmend schlüssige Indizien liefern, dass wir nicht zu wenig, sondern zu viel arbeiten.

Stellen wir doch lieber einmal die Frage, was wir mit Mehrarbeit im Informationszeitalter tatsächlich noch meinen kompensieren zu können?

Ja, im Informationszeitalter. In diesem befinden wir uns nämlich, ob wir wollen oder nicht. Auch wenn es oft den Anschein hat, dass selbiges in so mancher Verwaltung und auch so manchem Unternehmen bisher immer noch nicht angekommen ist.

Im Rest der Welt schon. Und das sorgt beim Rest der Welt für einen immer weiter zunehmenden Vorsprung - uns gegenüber.

Diesen Vorsprung der letzten Jahrzehnte hat die globale Wirtschaft durch eine zunehmende Technologisierung erzielt. Das ist der alles entscheidende Multiplikator für unsere menschliche, manuelle Arbeitskraft. Der jedes Upscaling der Workforce, wie man das im Meetingraum heute so gern nennt, mit Leichtigkeit in den Schatten stellt. Wer heute noch Dinge zu Fuß erledigt, während ein Marktbegleiter das alles in weiten Teilen schon automatisiert hat, der ist weg. Wer heute noch die Finger von den Technologien von morgen lässt, weil sich ja (in Deutschland) die Technik von gestern noch gut verkaufen lässt, der ist halt irgendwann überflüssig.

Menschliche Arbeitskräfte können wir zu noch so hohen Leistungen anspornen. Wenn die Wertschöpfung selbst unter hoher Verlustleistung leidet, dann können wir das nicht nachhaltig durch mehr Arbeit kompensieren. Sondern nur durch Reduktion eben dieser Verlustleistung.

Wir arbeiten nicht zu wenig, sondern ziemlich blöd. Wir beschäftigen Menschen nicht zu wenig, sondern mit den falschen Dingen. Dingen, die entweder automatisiert gehören, oder sogar Dingen, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Und die man nur noch in bester Cargo-Cult-Manier rituell zelebriert, ohne dass jemand wirklich eine Antwort auf die Frage hat, wozu das überhaupt gut ist.

In vielen Fällen haben wir auf diesen Unsinn nur bedingt Einfluss. Da, wo immer noch die preußische Amtsstube regiert, ist für digitale Verwaltungsprozesse kein Platz. Und wenn ich weniger Bürokratie nur bekomme, wenn ich dafür Tausende Formulare ausfüllen und faxen muss, dann hilft das selbstverständlich nicht.

Die Forderung der Wirtschaft an den Staat, den Bürokratieabbau und die Digitalisierung in der Verwaltung endlich mal voranzutreiben, ist absolut berechtigt (dass es dann oft wieder die damit beauftragte Wirtschaft ist, die diese Prozesse zwecks “Melken der Kuh” immer weiter in die Länge zieht, steht noch auf einem anderen Blatt).

Ebenso ist die Wirtschaft aber auch selbst gefordert. Auch hier gibt es jede Menge Altlasten. Digitalisierung, Technologieadaption, aber auch organisatorische und kulturelle Veränderung immer weiter nach hinten zu verschieben, das trägt nicht mehr. Investitionen auf „bessere Zeiten“ zu verschieben ist nur eins: erschreckend naiv. Denn die besseren Zeiten kommen überhaupt nur, wenn man investiert. Eine Investition „in die Zukunft“ kann nicht erst in der Zukunft stattfinden. Sie muss jetzt stattfinden. Sonst ist die Zukunft schnell Geschichte.

Das sind alles Hindernisse. Und jedes Hindernis, das Arbeitnehmer:innen momentan im Weg steht, bremst wertvolle menschliche Arbeit aus. Genau das ist die obige Verlustleistung. Und die lässt sich, wenn man es richtig und mit einer gesunden Portion Pragmatismus angeht, wirklich dramatisch reduzieren.

Dafür braucht es ein Umdenken. Nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern vor allem bei jeder/m einzelnen.

Alle können etwas tun. Aber bitte nicht, um noch mehr Heiße Luft zu produzieren. Sondern um Arbeit sinnvoll zu gestalten. Um sinnvolle Arbeit zu leisten. Und für die müssen auch nicht die, die jetzt schon die ganze operative Last tragen, noch mehr arbeiten. Sondern einfach besser arbeiten können.

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