Froschperspektive

Froschperspektive

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 26. März 2024

Froschperspektive

Froschperspektive

Scheuklappen (außer am Pferd) sind ja eher etwas Unkonstruktives. In Debatten und Diskussionen, vor allem aber auch im Finden von Lösungsstrategien für komplexe Herausforderungen, braucht man offene Sicht. Das schließt oft ein, dass man einen Perspektivwechsel macht.

Das ist gut. Denn bei komplexeren Problemstellungen ist jede Betrachtungsweise immer nur eine Art Schattenriss des Gesamtbilds. Kein Blickwinkel liefert uns wirklich eine vollständige Übersicht.

Und komplex wird es heutzutage schnell. Weil es ja immer irgendwie um Menschen (oder Dinge für Menschen) geht und die sind nun einmal komplex. Menschen geben uns auch oft den Rat, einen Perspektivwechsel zu machen oder die Perspektive der Anderen einzunehmen. Prinzipiell eine gute Idee, aber auch tückisch.

Denn nicht alles ist komplex, und die Aufforderung, doch mal die andere Perspektive einzunehmen, ist manchmal auch einfach nur der (plumpe) manipulative Versuch, dich dazu zu bringen, die Fakten zu ignorieren und stattdessen auf Meinungsebene zu diskutieren. Also weg von „geht konform mit den Fakten“ über „alles ist irgendwie beliebig“ bis, im schlimmsten Falle, zu „wer schreit hat recht“. Das ist manchmal spannend oder sogar unterhaltsam, oft aber nur nervig. Und niemals ergebnisorientiert.

Zur Perspektive auf die Faktenlage gehört nämlich immer auch der Kontext. Den kann ich ignorieren und habe immer noch eine Meinung, aber die entspricht dann eben nicht mehr unbedingt den Tatsachen.

Lustigerweise sind es vorwiegend die Beispiele, die manche Menschen so bringen, um Perspektivwechsel zu motivieren, die genau diesen Grundsatz komplett ignorieren.

Nehmen wir zum Beispiel mal diese 6-und-9-Geschichte. Da steht eine Zahl. Und je nachdem, ob man von “oben” oder von “unten” darauf schaut, ist es halt eine 6 oder eine 9. Haben ja beide Betrachter irgendwie recht, oder?

Nein. Denn im Kontext ist die Orientierung so einer Zahl immer eindeutig. Du stehst vor einem Stellplatz in der Tiefgarage und die Zahl steht auf dem Boden. Dann solltest du sie tunlichst von der Fahrbahn aus lesen und nicht von der Wand aus. Apropos Wand, an der Wand hängt eine Hausnummer? Ist sie fest, dann ist auch die Bedeutung der Zahl fest. Fehlt die obere Befestigungsschraube? Dann steht die Zahl wohl verkehrt herum. Fehlt die untere? Dann ist sie richtig. Fehlen beide? Dann liegt sie auf dem Boden und der Zustand ist so lange unbekannt (und nicht diskussionswürdig), bis wir den größeren Kontext (z. B. die Nachbarhäuser oder den Bewohner) in Betracht ziehen.

Ein weiteres schönes Beispiel, das oft benutzt wird. Traurig oder fröhlich?

:):

Eigentlich erst einmal gar nichts davon. Denn dazu müsste man den Kontext sehen. Ist das ein Smiley in einem europäischen Text? Dann ist es ein Grinser mit einem Doppelpunkt (oder einem doppelten Kinnpiercing). Im Arabischen wohl eher das Gegenteil. Auch hier ergibt sich eine eindeutige Aussage aus dem Kontext.

Ein Perspektivwechsel ergibt immer dann Sinn, wenn man weiß, wo oben ist. Wenn man sich schon über gewisse Dinge einig ist. Dann mag es immer noch Freiheitsgrade geben, die diskutabel sind. Das ist okay. Je komplexer das Problem, desto mehr Freiheitsgrade hat man. Einige davon verfestigen sich mit genügend Perspektivwechseln noch (ein sehr guter Grund diese Perspektivwechsel überhaupt vorzunehmen übrigens). Andere sind vielleicht irrelevant für die Problemlösung.

Frei schwebend in einen Perspektivwechsel zu gehen und dann zu erwarten, dass man zu sinnvollen Lösungen kommt, ist jedoch – naja, sagen wir mal naiv. Wer Zeit und Lust hat, sich in solchen Diskussionen zu verlieren, kann das ja tun. Ist manchmal auch ganz schön.

Nur Ergebnisse, die sollte man hier nicht erwarten.

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