Shift Left

Shift Left

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 8. Mai 2024

Du sitzt ja gerade an einem Computer, Tablet oder Smartphone Schau mal auf deine (Bildschirm-)Tastatur. Da gibt es links diese schöne Taste Shift, die mit dem Pfeil drauf. Die macht Dinge groß. Als glücklicher Besitzer eines Computers hast du wahrscheinlich sogar zwei davon (die andere sitzt rechts). Und dann noch links die tolle Caps Lock-Taste, mit der man wunderbar ins Internet brüllen kann.

Früher konnte man mit den beiden Tasten auf dem Computer prima Flipper spielen. Das aber nur so nebenbei. Denn eigentlich geht es heute nicht um irgendwelche Tasten. Warum auch?

Aber es geht um Shift, genauer gesagt um #ShiftLeft. Und das ist natürlich nicht nur diese Taste auf deiner Tastatur, sondern auch ein gerne zitiertes strategisches Instrument, um Prozesse effizienter zu gestalten. Ursprünglich ging es dabei vor allem um Entwicklungsprozesse in der Softwareindustrie, aber mittlerweile finden wir das Prinzip auch in der Wirtschaft und Politik häufig wieder.

Shift Left verfolgt zwei Ziele. Zum einen geht es um Risikominimierung, zum anderen darum, Ressourcen frühzeitiger und damit effizienter und schonender zu nutzen. Der Name der ganzen Geschichte lässt sich auch sehr anschaulich erklären. Wenn du nämlich mal einen Prozess aufmalst, mit dem Beginn auf der linken und dem Ende auf der rechten Seite, dann möchtest du gerne Tätigkeiten und Prozessschritte, die besonders risikoreich sind, möglichst weit nach links verschieben (engl. shift left). Viele Tätigkeiten (zum Beispiel die Fehlersuche und die Qualitätssicherung bei der Produktentwicklung) bringen zudem immer weiter steigende Kosten mit sich, je weiter rechts sie liegen. Und wir reden hier nicht von etwas teurer und etwas aufwendiger. Zumindest in der Softwareentwicklung sind solche kritischen Tätigkeiten (zum Beispiel das Mitdenken von Datenschutz und Informationssicherheit, was gerne mal zu Projektbeginn ignoriert wird) undankbarerweise mit exponentiell steigenden Kosten gesegnet. Prokrastination zahlt sich hier also nicht aus, ganz im Gegenteil.

Also, ab nach links damit. Wir denken einfach alles von Beginn an mit. Dann kennen wir die Risiken viel eher (und können frühzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen) und sparen ohne Ende Kosten. Ein Traum. Hat uns auch nur gute 60 Jahre Projektmanagement gekostet, um auf die Idee zu kommen. Gut, dass wir das haben.

Hmm. Einen Moment mal. Wenn das so simpel ist, und das so viele Vorteile bringt, warum machen das nicht alle? Warum machen wir das nicht?

Berechtigte Frage und die Antwort darauf ist einfach.

Weil … es nicht funktioniert!

Da, jetzt ist es raus. Shift left ist eine tolle Sache und ich finde es klasse, dass man das propagiert. Vor allem in meiner Branche (Security -> Shift Left, Ops -> Shift Left, QA -> Shift Left).

Sobald die Idee aber das Papier (und vielleicht das Büro des Prozessverantwortlichen) verlässt, trifft sie auf: Menschen. Und zwar in aller Regel viele davon. Und wo Menschen zusammen kommen, entsteht #Komplexität. Vor allem in der Kommunikation und Koordination.

Hinzu kommt, und das ist ein genauso schwerwiegender Faktor bei der ganzen Geschichte, wenn alles viel früher passieren muss, dann müssen Menschen auch viel früher Verantwortung dafür übernehmen, dass genau dies passiert. Viele Unternehmen pflegen aber, nicht unbedingt willentlich, eher eine Arbeitskultur, in der man Verantwortung erst so spät wie möglich, also am besten gar nicht übernehmen möchte. Das verschiebt dann Dinge wieder in die andere Richtung. Shift right, sozusagen.

Und anders als auf deiner Tastatur ist es eben nicht egal, dass Shift left und Shift right gleichzeitig aktiv sind. Auf der Prozessebene neutralisieren sie einander. Es bewegt sich gar nichts mehr. Außer der Verantwortung, die fröhlich und nicht selten völlig erratisch durch die komplette Prozesskette springt. Bis jemand auf der obersten Etage (oder beim Kunden) endgültig genug von dem Unsinn hat und wütend wird. Das ist dann Caps lock. Einerseits fürchterlich laut, andererseits aber auch Angststarre.

Also alles nur Blödsinn mit Shift Left? Nein, sicher nicht. Der Ansatz funktioniert sehr wohl, wenn nur die Rahmenbedingungen stimmen. Und das heißt vor allem, dass Führungskräfte Verantwortung übernehmen und abgeben. Dass Fachkräfte Verantwortung für ihr Tun tragen (und man ihnen dies auch zugesteht), mit der Komplexität ihrer Tätigkeit im Gesamtprojekt umgehen können und selbst in der Lage sind, zu kommunizieren und sich zu koordinieren (und damit sich selbst in der Gruppe zu organisieren). Sicherlich auch, dass Projektmanager:innen richtig auf Zack sind und wissen, wo man gerade steht und wo das Budget an Zeit, Arbeit und Geld am besten hinfließt. Dass auf Entscheiderebene diszipliniert und realitätsbewusst vorgegangen, hart geschnitten und priorisiert wird, wenn es um Entwicklungsprojekte geht. Denn wenn man alles haben will und alles ganz nach links rückt, dann ist links gar nicht mehr links. Sondern alles wird zu einem völlig undurchdringlichen Wollknäuel in der (neuen) Mitte.

Disziplin, Kommunikation, Verantwortung, Komplexitätsbewusstsein – das klingt alles ziemlich agil, oder? Ja. Da, wo diese Werte greifen und gelebt werden, wo man Shift Left wirklich konsequent umsetzen möchte, da entsteht Agilität nahezu automatisch – beziehungsweise dort wird sie zum primären Treiber, wenn sie schon da ist. Und im Umkehrschluss gilt natürlich genauso, dass dort, wo man nur Scheinagilität lebt, Shift Left keine echte Chance hat, wirksame Resultate zu produzieren.

Jetzt aber Schluss damit. Weg von den Shift-Tasten, ich will flippern.

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