Namen sind nur Schall und Rauch
Ich selbst bin ja breit aufgestellt. Mal arbeite ich als Softwareengineer (das liegt mir als Informatiker natürlich), mal als Projektleiter, oft als Berater und manchmal auch als Coach. Mal werfe ich auch mit Formeln und Diagrammen um mich (da kommt dann die theoretische Physik aus dem Studium wieder durch). Aber bleiben wir mal beim Coach. Den habe ich immer im Sinne des etablierten Begriffs verstanden, nicht unähnlich einem Sporttrainer. Wenn ich coache, dann möchte ich meinen Klienten (egal ob Teams oder Individuen) dabei helfen, die eigenen Grenzen zu erkennen, zu erweitern und auch mal die eigene Komfortzone zu verlassen.
Aber genau dieser Begriff ist in der Businesswelt (und nicht nur dort) sehr breit aufgestellt, viel breiter als meine Definition. Jeder kann und darf coachen. Egal, was das jetzt heißt. Menschen, die sehr viel Zeit und Geld in eine Coaching-Ausbildung investiert haben (und damit auch den Verbänden, in denen sie sich organisieren), geht das, aus, wie ich finde, naheliegenden Gründen, gewaltig gegen den Strich.
Also den Begriff auf geprüfte und zertifizierte Coaches beschränken, bitte. So wie bei Ärzten und Ingenieuren. Das ist die Idee. Und die ist typisch deutsch. Und meiner Meinung nach auch falsch. Aus mehreren Gründen.
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Das internationalisiert nicht. Ihr könnt natürlich euren Beruf versuchen nicht global zu denken, aber spätestens, wenn ihr in Unternehmen hineingeht, werdet ihr wieder damit leben müssen, auf Leute zu treffen, die sich Coaches nennen. Genauso wie Architekten und Ingenieure damit leben müssen, dass es heutzutage auch Organisations-, Lern- und Softwarearchitekten sowie Softwareingenieure, Usability Engineers usw. gibt.
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Die Berufsbezeichnung gehört nicht allein denjenigen, die sie jetzt schützen lassen wollen. Jeder international tätige Trainer kann und darf sich Coach nennen. Nicht nur im Sport. Der Begriff wurde ja ursprünglich sogar eher benutzt, um Lehrer und Tutoren im Einzelunterricht zu bezeichnen. Und natürlich greifen diesen Begriff auch andere auf. Agile Coaches zum Beispiel. Wer jetzt den Begriff eingrenzen will, nachdem er 150 Jahre lang Zeit hatte, sich zu verbreiten, wird sich schwertun.
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Coaching (im Sinne der Coachingverbände) hat kein akademisches Fundament und bedient eher punktuell (zum Beispiel da, wo wir harte Psychologie betreiben und/oder die Grenze zur Psychotherapie übertreten) einer wissenschaftlichen Methodik – ja, das tut weh, ist aber nun einmal so. Dieses Fundament und diese Methoden sind aber allen anderen geschützten Berufsbezeichnungen zu eigen, egal ob Ingenieur, Arzt oder Rechtsanwalt. Sich verbandsübergreifend einfach auf Standards zu einigen (die nebenbei bemerkt so breit gefasst sind, dass man nicht mehr von Standards reden kann), genügt hier eben nicht.
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Die Coaches, die ihr nicht haben wollt (was ich total gut verstehe, versteht mich nicht falsch), werden nicht aufhören zu existieren, wenn sie sich nicht mehr Coaches nennen. Ihr sichert damit nicht euer Feld. Das nehmen euch dann nur einfach nicht mehr selbsternannte Coaches weg, sondern Berater, Lebensbegleiter und Medizinmenschen. Denn, auch wenn man es kaum glauben sollte, die Menschen kaufen nicht die Berufsbezeichnung, sie kaufen die Story und den besseren Menschen, der sie sein wollen. Davor wollt ihr die Menschen ja gerade schützen, es geht ja eigentlich gar nicht um euch? Es ist nur leider das gute Recht eines jeden Menschen, auch wenn es euch in der Seele weh tut, sich für Quacksalberei und Schlangenöl zu entscheiden.
Noch wichtiger aber ist: es wird nichts bringen.
Lasst euch das von jemandem sagen, dessen primäres Berufsfeld (nämlich IT) seit jeher dadurch geprägt ist, dass Quereinsteiger, Ungeschulte, Ausgebildete und Akademiker:innen nebeneinander arbeiten. Das mag für versnobte Akademiker echt anstrengend sein (und glaubt mir, ich war oft genug dieser versnobte Akademiker). Es kann aber auch unglaublich lehrreich sein. Bringt diesen Menschen etwas bei. Und lernt von ihnen die Dinge, die vielleicht in eurer eigenen Ausbildung zu kurz gekommen sind.
Ihr werdet nicht besser in eurem Beruf, wenn ihr mit Gewalt versucht, ihn vor Fremdeinflüssen zu schützen. Das wird nicht funktionieren. Ihr werdet besser in eurem Beruf, in dem ihr in eurem Beruf immer besser werdet. Die Vorteile eurer vielleicht besseren und tieferen Ausbildung nutzt. Und damit vielleicht irgendwann besser seid als die meisten anderen in eurem Feld. Egal, welchen Titel und welche Berufsbezeichnung diese Menschen haben.
Ja, und wenn ihr Titel habt, die nimmt euch doch keiner weg. Ihr könnt weiter MSc in Dings und IHK-zertifiziert in Bums sein. Das ist doch toll. Damit habt ihr wahrscheinlich sogar einen Vorsprung. Nutzt doch den, anstatt anderen Dinge zu verbieten.
Viel wichtiger ist aber meiner Meinung das folgende: unsere heutige Welt erwartet von uns eine immer stärkere interdisziplinäre Ausrichtung. Wer kann heute schon noch dauerhaft in dem Beruf arbeiten, den sie oder er einmal gelernt hat? Wenn sich Berufsfelder immer schneller und immer stärker ändern? Niemand. Auch ihr nicht. Deshalb brauchen wir Quereinsteiger und Autodidakten in allen Bereichen. Deshalb brauchen wir lebenslanges, interdisziplinäres Lernen.
Wer seine Potenziale nicht nutzt, sein Können nicht ausbaut, sondern allein auf seine Ausbildung pocht, der wird es zunehmend schwerer haben. Das gilt insbesondere für Coaches. Denn wie bitte soll ein Coach, der den Anschluss zur Realität verloren hat, anderen Menschen noch helfen können?
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