Anne und Agilität
Heute schreibe ich mal ein wenig über Sprache und Kommunikation. Sprache kommt bei der ganzen Diskussion um FutureSkills, NewWork und Digitalität immer ganz gerne zu kurz. Ja, selbst wenn wir über generative KI und LLM-Systeme, mit denen wir ja natürlichsprachlich interagieren, versuchen wir schnell das Thema Kommunikation und Sprache wegzuabstrahieren.
Sprache ist schon etwas Tolles. Da gibt es etwa Dialekte. Wie Ruhrdeutsch, das ich hier einmal als Beispiel anführen möchte. Erstens, weil es laut einer spontanen Umfrage hier im Büro in Dortmund der tollste deutsche Dialekt ist, andererseits weil ich des Ruhrdeutschen mächtig bin, der meisten anderen deutschen Dialekte aber nicht.
Wir haben im Ruhrdeutschen (ich denke sogar in den meisten westfälischen Dialekten, keine Ahnung wie weit sich das nach Norden ausdehnt) ein schönes Wort: Anne. Das ist in diesem Fall kein Name, sondern eine Verkürzung von an der. Anne Tanke zum Beispiel. Oder anne Ecke. Wir bedienen uns im Ruhrdeutschen aber noch einer weiteren Verkürzung, nämlich der Verkürzung von angeschaltet. Und die ist: auch anne. Die anne Funkmaus ist zum Beispiel das kabellose Zeigegerät, das zurzeit angeschaltet ist. Spannend wird es dann bei anne Maschine oder anne Laterne. Oder noch genauer: anne Latüchte. Ist jetzt die Laterne angeschaltet oder ist da was an der Laterne? Klarer wird das erst, wenn wir anne anne Latüchte sagen, also an der angeschalteten Laterne. Das ist kurz und präzise, und hängt jetzt wahrscheinlich meine Leserschaft südlich der Ruhr vollends ab.
Und genau das ist auch der Punkt. Menschen brauchen eine gemeinsame Sprache, um gemeinsam etwas bewirken zu können. Und auch wenn sie eine gemeinsame Sprache haben, dann benötigen Aussagen in dieser Sprache einen klaren Kontext. In diese gemeinsame Sprache investieren wir oft wenig Zeit und Energie. Zum Teil, weil andere ja die „falsche“ Sprache benutzen und unsere viel einfacher und präziser ist. Sehr viel häufiger aber, weil man sich über das Thema überhaupt keine Gedanken macht.
In der Softwaretechnologie gab es Bestrebungen (im Rahmen von Domain Driven Design oder kurz DDD) für ein Produkt oder Projekt für alle Beteiligten eine ubiquitäre Sprache zu definieren. Eine einheitliche Benennung von Konzepten und Entitäten, egal aus welcher Perspektive sie betrachtet werden sollten. Das ist meiner Meinung nach ein toller Ansatz, der aber meines Gefühls nach in der Praxis gescheitert ist. DDD hat viele fantastische neue Tore geöffnet, bei Architekten und Produktverantwortlichen ist davon aber leider nur sehr wenig hängen geblieben. Lag vielleicht an dem sperrigen ubiquitär, dass sich im Englischen noch sehr viel komplizierter schreibt und spricht, wer weiß. Vielleicht war dieser Aspekt den Beteiligten aber auch nicht technisch genug. Reden kann doch jeder, warum da Mühe rein investieren?
Ja warum? Naja, weil sonst nichts funktioniert. Denn reden, ja, das können alle, aber etwas aussagen und das Gesagte auch hören, das ist heute (scheinbar) schon eine Kunst. Nein, viele von uns können das nicht. Also muss man das lernen. Und mit jedem neuen Projekt, mit allen neuen Beteiligten auch in Neuauflage.
Wenn wir uns nicht verstehen, dann können wir uns nicht einigen und erst recht nichts gemeinsam auf die Beine stellen. Vor allem können wir schlecht organisieren (oder agil gedacht, autonom selbst organisieren), wenn wir uns nicht verstehen. Ohne gemeinsame Sprache kein gemeinsamer Outcome.
In wirklich agilen Teams hätten wir vielleicht jemandem aus dem Marketing sitzen, oder zumindest eine Person, die regelmäßig Copy verfasst. Da ist das Thema hinlänglich bekannt (auch wenn es dort ebenfalls oft nicht klappt): Sprichst du nicht die Sprache deiner Zuhörer- oder Leser:innen, dann kommt deine Botschaft nicht an.
Wenn’s im Übrigen kein Monolog sondern ein Dialog ist, wird das alles noch viel schlimmer, und Entwicklung, Produktion und Innovation sind immer Dialoge (auch wenn manche Zeitgenossen, insbesondere aus meiner Zunft, das gerne anders sehen möchten).
Nehmt euch die Zeit, eine gemeinsame Sprache zu finden. Je diverser Team und je komplexer Herausforderungen sind, desto wichtiger wird genau das. Und die Betonung liegt auf gemeinsam finden. Das ist weder Privileg noch alleinige Pflicht der beteiligten Führungskräfte. Oder der Fachabteilung. Oder der Entwicklung. Oder der externen Berater.
Das Vokabular entsteht an der Stelle, wo man sich einig ist. Das ist ein Prozess. Nebenbei gesagt übrigens ein Prozess, der neben der gemeinsamen Sprache auch ein gemeinsames Verständnis des Problemraums schafft.
Und damit echte Zusammenarbeit, erst recht im agilen Sinne, überhaupt erst ermöglicht.
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