Expert:innen

Expert:innen

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 20. August 2024

„Wir haben mittlerweile so viele Experten, es arbeitet ja keiner mehr richtig – alle sind nur noch Experten.“ hörte ich letztens noch. Und irgendwie – ist da auch etwas dran. PersonalBranding stilisiert jedes noch so schwach ausgeprägte Talent hoch in höchste Höhen. Das dann noch durch eine gewisse Followerreichweite in den sozialen Medien garniert und schwups – schon ist man Experte.

Exponentiell wachsend sieht man das zum Beispiel im Bereich der #KI. Künstliche Intelligenz liegt natürlich voll im Trend, und jeder möchte da gerne mitspielen. Und das Mitspielen fällt leicht, denn das Thema ist breit, entwickelt sich schnell; kaum jemand hat Ahnung davon, aber jeder möchte partizipieren. Das öffnet Tür und Tor für Quacksalberei. Und das in einem Ausmaß, dass sich vor den besten Schlangenöl-Verkäufern des wilden Westens in keiner Weise verstecken muss. Selbst das Handelsblatt hat gerade erst das Thema aufgegriffen und versucht zu erläutern, wie man als wissbegieriger, aber auch unbedarfter Mensch hier die Spreu vom Weizen trennen kann. Addiert man dann noch das weitestgehend sinnfreie Marketinggefasel der großen AI-Player hinzu, bleiben nur noch Verwirrung und Hilflosigkeit übrig.

So kommen wir nicht weiter. Wir brauchen mehr Verlässlichkeit im Expertentum, um eben nicht auf Quacksalberei und Trittbrettfahrer:innen hereinzufallen. Wer schicke Prompts schreibt, revolutioniert noch lange nicht die digitale Infrastruktur eines Unternehmens. Ich halte auch anerkannte Zertifikate und Ausbildungsinstitute (wie im gerade genannten Artikel) nicht wirklich für eine sinnvolle Hilfe (warum, das kann man in meinem Newsletter von vor zwei Monaten nachlesen). Im Gegenteil, die hanebüchenen Zertifizierungen im KI-Bereich, mit denen sich zum Beispiel einige IHKs seit kurzem auf die Straße wagen, sind zumindest meiner Meinung nach ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen.

Nein, es braucht andere Bewertungsmaßstäbe und Filter. Und die gibt es nicht umsonst. Da muss Zeit und Mühe investiert werden. Auch Entscheider:innen müssen bereit sein, sich hinzusetzen und sich mit den absoluten Grundlagen des Themas vertraut zu machen. Kritische Fragen zu stellen. Und unterschiedliche Antworten unterschiedlicher Expert:innen zu vergleichen. Um auf dieser Basis zu entscheiden: bin ich hier an die richtige Person geraten oder eben nicht.

Spezifisch im Feld der KI bedeutet das meiner Meinung:

  • Dass man die wahrscheinlichkeitstheoretischen Grundlagen des maschinellen Lernens verstanden hat. Und welche Grenzen des machbaren dies mit sich bringt.

  • Dass man sich grundlegend erschlossen hat, wie moderne KI funktioniert.

  • Dass man verstanden hat, dass auch KI weder preiswert noch ohne Aufwand im eigenen Unternehmen etabliert werden.

  • Dass KI echte Risiken für Sicherheit, Datenschutz, Privatsphäre, Compliance und Business Continuity mit sich bringt, die man nicht mal eben vom Tisch wischen kann.

  • Dass viele, aber eben nicht alle Herausforderungen mit KI angegangen werden können. Und dass KI oft nicht die beste Lösung ist.

Und abseits des Themas KI natürlich auch ganz allgemein:

  • Dass „Expert:innen“, die sich nicht die Mühe machen, die Herausforderungen eines Unternehmens zu verstehen, auch nicht in der Lage sein werden, diese Herausforderungen zu meistern.

  • Dass es nicht darum geht, möglichst sexy und trendy dazustehen, sondern echte Probleme zu lösen.

Und diese Liste gilt nicht nur für Führungskräfte und Leitungsebenen. Vermittelt ein:e Expert:in nicht den Eindruck, sich selbst mit diesen Fragen kritisch auseinandergesetzt zu haben, dann ist der Expertenstatus wohl eher ein Werbegag.

Das ist natürlich keine erschöpfende Liste. Aber dennoch vielleicht eine Handreichung, die eine Vorauswahl erleichtert.

Ich hoffe inständig, dass wir in naher Zukunft noch mehr Wege finden, dieses komplexe Thema auch für Menschen außerhalb der IT und des akademischen Umfelds zugänglich zu machen. Das ist noch ein weiter Weg.

Aber Wirkprinzipien und Grenzen können wir, auch in diesem Feld, allgemein verständlich erklären. In vielen Fällen sogar auf Sendung mit der Maus-Niveau (was wahrlich nichts Schlechtes ist!). Also sollten sich alle echten Expert:innen bemühen, das auch zu tun. Ebenso, wie Entscheider:innen sich stets bemühen sollten, nicht einfach blind auf Pseudoexpert:innen hereinfallen sollten. Denn „Erschreckend viel Meinung für so wenig Ahnung“ können sich die wenigsten Unternehmen heute noch leisten, wenn sie externe Expert:innen hinzuziehen.

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