Wie bei Hempels unterm Sofa
Ich bin ja wirklich kein besonders ordentlicher Mensch. Aber spätestens, wenn das Chaos dem Business im Weg steht, werde auch ich hellhörig. Denn wir wollen im Business ja zumindest theoretisch nichts tun oder lassen, was uns unnötig Geld kostet. Oder Zeit. Wobei ja bekanntlich angeblich Zeit auch Geld ist.
In der Praxis vergessen Unternehmen das leider häufig. Und suchen dann nach Lösungen. Und leider nicht nach Lösungen, um das Chaos zu beseitigen, sondern lieber nach Lösungen, die das Chaos aus dem Blickfeld schaffen. „Ist auch ‘ne Lösung“ mag man jetzt denken. Stimmt, aber leider keine, über die sich die zukünftigen Geschäftsführer:innen (es mögen auch dieselben sein) oder die zukünftige Belegschaft wirklich freut.
Denn egal wie gut man alles unter dem Sofa versteckt. Gelegentlich, meist wenn man es überhaupt nicht gebrauchen kann, muss man an etwas ran, was da unten liegt. Und dann wird es fies. Nicht nur, dass man den dringend gebrauchten Vorgang, das alte Angebot oder dieses entscheidende Stück Software erst einmal wiederfinden muss. Man muss sich auch bis dahin durchkämpfen. Das kostet nicht nur Überwindung, denn wer will sich schon mit den Fehlentscheidungen und der Faulheit der Vergangenheit auseinandersetzen, sondern erfordert auch sehr viel Fingerspitzengefühl. Denn wenn dieser Turm der Schande einmal ins Wanken gerät, dann begräbt er uns auch ganz schnell mal komplett unter sich.
Zu abstrakt? Ich gebe mal ein Beispiel. Wie immer aus meinem Kernbereich, also der Softwareentwicklung. Da werfen wir gerne den Begriff der technischen Schuld in den Raum. Oft unbedacht und oft auch fürchterlich schlecht definiert. Softwaremenschen meinen damit aber meist, dass wir irgendwann einmal vor der Entscheidung stehen, etwas zu tun, von dem wir wissen, dass es nicht okay ist. Aber es muss jetzt gerade schnell gehen. Also nehmen wir das in Kauf. Und wir nehmen uns natürlich feierlich vor, das Ganze bei der nächstbesten Gelegenheit in Ordnung zu bringen.
Technische Schuld könnte auch gut unter dem Sofa liegen. Außer denen, die sie letztlich produziert haben, sieht sie nämlich niemand. Vor allem sehen die Entscheider, die sie provoziert haben, sie nicht. Und deshalb sehen diese Menschen natürlich auch keinen Sinn darin, wertvolle Entwicklungszeit in irgendwelche Aufräumarbeiten zu investieren.
Da braucht es dann schon erfahrene Softwarearchitekt:innen oder Projektmanager:innen, die mutig genug sind, den Menschen in Entscheidungspositionen und mit Macht ein klares Nein vor den Latz zu knallen und die Freiräume zu erkämpfen, die notwendig sind, um die technische Schuld in Zaum zu halten.
Die meisten können das nicht. Und damit wird der Schuldenberg größer. Nicht nur das, er wird auch verzinst. Und nicht so schön privatdarlehensmäßig verzinst. Sondern so Wettschulden-Kredithai-mäßig. Technische Schuld kommt nicht vorbei und bricht dir die Beine, aber sie bricht der Software irgendwann das Genick. Es kommt zum Stillstand. Das System wird unwartbar. Jede Änderung, jede Erweiterung schluckt ein kleines Vermögen. Und Fehler, ja, mit denen müssen wir einfach leben. Denn reparieren kann das niemand mehr, ohne noch mehr kaputtzumachen.
Ich wäre dafür, dass Organisationen sich auch mit dem gleichermaßen gelagerten Konzept der organisatorischen Schuld auseinandersetzen. Was wird es kosten, sich jetzt nicht richtig mit etwas zu beschäftigen? Informationen nicht ordentlich abzulegen? Prozesse nicht sauber durchzuführen? Diskrepanzen zwischen den Vorgehensweisen auf dem Papier und den real gelebten Vorgehensweisen zu lange zu dulden? Notwendige Fortbildungen immer wieder aufzuschieben? Talente zu verlieren? Veraltete Maschinen und Systeme nicht abzulösen oder zu modernisieren?
Entscheider:innen auf allen Ebenen fragen sich das zu selten. Sie sehen gerne, was man jetzt einsparen kann. Aber nicht, was das morgen kosten wird. Und diejenigen, die das sehen und kritisch hinterfragen, gelten zu oft als Quärulanten.
Wenn alles hinreichend sauber und organisiert wäre, dann würden wir über die ganzen Regularien der EU lachen. An der Globalisierung würden wir teilhaben. Das volle Potenzial von KI könnten wir nutzen, weil uns saubere Daten zur Verfügung stehen. Und Mitarbeitende wären glücklich, weil sie nicht regelmäßig unter das Sofa krabbeln müssen.
Das wäre schön, oder?
PS: Ich habe im aktuellen Artikel bisher nur einmal KI gesagt. Das kann so nicht bleiben. Viele Anbieter stellen ja KI als Ausweg der Misere vor. Du musst nichts sortieren, die KI weiß, wo es steht.
Glaub das bitte nicht. Das ist Geschwätz. Schlangenöl. KI hilft dir vielleicht, wenn du deine Information schon gut vorstrukturiert hast. Ansonsten macht sie alles nur schlimmer. Es sei denn, du bringst ihr noch bei, wie sie mit all den Widersprüchen, der Unterscheidung zwischen dem, was veraltet und was noch aktuell ist, überhaupt umgehen kann. Das wird meist nicht funktionieren. Und selbst wenn, dann ist es am Ende teurer als mal alles aufzuräumen.
Fast so teuer wie zu denken, dass alles in Ordnung ist und dann plötzlich festzustellen, dass deine neuen Verträge alle auf dem alten Mist von 1987 basieren. Oder das Komma beim Betrag im prestigeträchtigen Angebot plötzlich ein wenig weit nach links gerutscht ist.
Auch KI räumt dein Chaos nicht auf. Sie verpackt es nur in Meta-Chaos. Und glaub mir, damit wirst du nicht glücklich.
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