Der Weg ist das Ziel?

Der Weg ist das Ziel?

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 4. März 2025

Projekte zum Erfolg zu führen, neue Produkte und Dienstleistungen zu designen, das ist eine immens spannende Aufgabe. Und irgendwie geht es doch meist schief. Klar, am Ende hat man irgendwas in der Hand. Aber hat das nicht viel zu lange gedauert? War viel zu teuer? Und bleibt dann zuletzt doch irgendwie hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück.

Moment, da gab’s doch seit Ewigkeiten dieses agile Zeug, was da angeblich hilft, auf Spur zu bleiben. Und konnte man nicht auch brauchbare Kreativitätsprozesse nutzen? Design Thinking, oder so?

Ja, mach mal. Machen viele. Oft halbherzig. Gerne falsch. Und meist erfolglos. Dabei ist die Idee eigentlich goldrichtig.

Sieh dich einfach mal in einer absoluten Frühphase deines neuen Projekts. Du weißt, da ist was zu tun, ja wahrscheinlich siehst du sogar die Herausforderung total deutlich vor dir. Da ist das Problem. Das wollen die Leute gelöst haben. Wie kommt man jetzt dort an, wo man hin soll? Und das unter den harten Rahmenbedingungen, die man wohl oder übel einhalten muss.

Lass uns mal versuchen, da eine Metapher zu finden. Dann können wir, ganz unabhängig von deinem Vorhaben, konkret werden.

Also.

Du stehst in einer dir unbekannten Landschaft. Da hinten, am Horizont, siehst du ein Gebirge. Und du weißt, irgendwo da liegt das gelobte Land. Da ist der Schatz vergraben, den du heben willst. Doch das Tal vor dir, der Weg zum Gebirge, liegt in dichtem Nebel. Und wo du dich genau durch die schroffe Berglandschaft kämpfen musst, um den Schatz zu finden, ist jetzt auch nicht so ganz klar. Einer dieser schneebedeckten Gipfel muss es sein. Aber welcher?

Aber du warst klug, du hast, neben deiner Beobachtungs- und Auffassungsgabe, auch zwei Werkzeuge mitgebracht, die dir helfen sollen. Eines, mit dem du den Schatz besser anpeilen kannst, und eins, mit dem du deinen zurückgelegten Weg gut kartieren kannst. Also marschierst du los, ohne echten Plan, aber voller guter Intentionen. Unterwegs triffst du andere Wanderer, die reichlich Information für dich haben. Wo der Schatz nicht liegt, zum Beispiel. Was der Schatz sein könnte. Oder was er vielleicht nicht ist. Welche Werkzeuge du brauchen wirst, um dich durch das Tal zu kämpfen. Oder um bequemer und schneller voranzukommen.

Jeden Abend setzt du dich hin und schreibst das alles in dein Tagebuch. Und du zeichnest penibel in deine Karte ein, wo du entlang gegangen bist, was du dort vorgefunden, gesehen und gehört hast. Am nächsten Morgen stehst du auf, blickst in Richtung der Berge und hast schon ein etwas besseres Gefühl. Du weißt genauer, wo du hin musst und warum. Also legst du eine neue Marschrichtung fest für den nächsten Tag fest und gehst weiter.

Manchmal wirst du in Sackgassen geraten. Gut, dass du eine Karte gezeichnet hast! Dann gehst du halt zurück zur letzten Wegbiegung und nimmst einen anderen Weg. Manchmal wird die auch jemand, der dir begegnet, etwas völlig Neues über den Schatz verraten. Etwas, womit du nicht gerechnet hast? In einem alten Tempel liegt er? Dann muss das doch auf einem anderen Gipfel sein!

Aber, es geht stets voran. Jeden Tag bist du etwas klüger, etwas besser ausgerüstet und hast eine etwas klarere Vorstellung davon, was du eigentlich suchst.

Und irgendwann erreichst du dein Ziel. Findest den Schatz. Und kehrst triumphierend zurück. Es sei denn, jemand war schneller.

Toll, oder?

Das ist Agilität. Und dafür wurde sie gemacht. Der Schatz, das ist dein Produkt. Deine Tagesreise, das ist eine agile Timebox, ein agiler Sprint. Die Wanderer, das sind deine Stakeholder, deine Nutzer, deine Kunden. Die, die bestimmen, was der Schatz ist. Und du bist nicht der einzige, der den Schatz sucht. Also gilt es Entscheidungen zu treffen. Harte Entscheidungen. Was ist wichtig? Was ist wirklich notwendig? Was kann weg? Wo muss ich mir eingestehen, mich geirrt zu haben? Denn du willst ja nicht, dass andere schneller sind als du.

Agilität ist ein Abenteuer der kleinen Schritte. Eine Reise ins Unbekannte. Das ist spannend und macht Spaß. Es ist aber vielleicht auch nicht so leicht einzuschätzen, was passiert. Denn das Ziel ist längst nicht so klar, wie du vielleicht denkst. Tatsächlich ist diese Herausforderung sogar wunderbar symmetrisch – denn wenn du genau weißt, was du tun musst, sei nicht agil! Wenn du dein Ziel genau kennst, sei nicht agil! Das kostet nur unnötige Ressourcen!

Deshalb funktioniert Agilität in der Praxis so oft nicht. Wir wenden Sie an, auch wenn alles schon abgesteckt ist. Dann ist das aber die falsche Vorgehensweise.

Oder, was noch viel häufiger passiert: Wir stehen vor dem Unbekannten, dem Neuen. Dann gestehen wir uns unsere Known Unknowns, unsere eigene Unwissenheit, nicht ein. Wir meinen, es besser zu wissen. Wir geben uns nicht der wissenschaftlichen Methode hin, unsere Behauptungen durch Experimente (und „ich frage meine Nutzer:innen“ ist ein Experiment!) zu belegen. Wenn wir das aber nicht tun, dann sind wir nicht agil. Wir tun nur so. Und ärgern uns dann, dass wir nicht da ankommen, wo wir hin sollen. Ja, nicht einmal dorthin, wo wir hin wollten.

Agilität, das sind keine Techniken, keine Dailys, keine Boards, keine Burndowns. Das sind alles nur Werkzeuge.

Agilität ist wertebasiert. Sie ist Neugier, Demut, Ehrlichkeit, Experimentierfreude und Verantwortung. Wer das zusammen bringt, ist agil. Wer das nicht tut, lebt den Cargo Cult, aber ohne echten Nutzen. Vielleicht fällt es Individuen wie Organisationen deshalb auch so schwer, wirklich agil zu sein. Weil für viele agile Werte in den Organisationen kein Platz ist. Der will erst geschaffen und dann sinnvoll gefüllt werden. Viele könnten davon profitieren. Aber dazu muss man es auch wollen.

PS: Und für die Wissenden und Wissbegierigen: Ja, genau deshalb funktionieren auch SAFe und ähnliche Frameworks nicht. Das ist immer letztendlich nur klassisches Prozessmanagement mit schicken Werkzeugen, die aus Scrum und co. zusammengeklaubt worden sind. Agil ist daran nichts. Überhaupt nichts.

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