Gesetz der großen Zahl
Ich hatte diese Woche Geburtstag. `Nen runden sogar. Da denkt man ab einem gewissen Alter schon mal über große Zahlen nach.
Und damit nicht genug. Wenn man sich mit Machine Learning beschäftigt, dann muss man sich auch mit Stochastik und deren Grenzwertsätzen beschäftigen. Das Gesetz der großen Zahlen ist eins der fluffigsten davon, wie ich finde, wahrscheinlich sogar der einzige Grenzwertsatz, den man Menschen überstülpen kann, die sonst schreiend das Weite suchen, sobald jemand anfängt von Limes, Analysis und co. zu reden …
Auf den will ich heute aber mal ausnahmsweise nicht hinaus – auch wenn ich sagen muss: wenn du solche stochastischen Grundbegriffe noch nicht verstanden hast, dann lass die Finger von KI in größerem Stil (Herumspielen mit ChatGPT zählt nicht, klar 😁) – kann sonst nur schiefgehen.
Aber jedem, der sich irgendwie auch nur am Rande für KI, insbesondere die generative, interessiert, begegnen sie ständig. Die großen Zahlen. Ach, was sag` ich, nicht einfach groß. Fantastische Zahlen! Unglaubliche Zahlen!
Die haben wir zuhauf. Weil ständig was Neues kommt. Was noch besser ist. Probleme noch umfassender löst. Echte Gamechanger! Im Sekundentakt! Und um das zu untermauern, braucht es natürlich Zahlen. Harte Fakten. Also harte Zahlen. Oder, wenn man die nicht hat, zumindest große Zahlen. Vielleicht nicht groß im Sinne von „`ne Eins mit ganz vielen Nullen dran“. Aber Zahlen, die man groß schreiben oder zumindest groß reden kann. Oder die zumindest groß wirken, wenn man sie nur geschickt genug anleuchtet (Auch der kleinste Kiesel wirft einen riesigen Schatten, wenn man die Lampe nur richtig aufstellt).
Und diese Zahlen finden wir zuhauf. Schaut, wie Gemini 3 und GPT-5.1 sich in den Benchmarks schlagen – nur um dann von Opus 4.5 schon wieder überholt zu werden. Da, ein Punkt, nein zwei Punkte mehr. Vielleicht sogar vier! Und hier, das Kontextfenster hat sich verdoppelt, verzehnfacht, verhundertfacht! Was früher Wochen gedauert hat, das erledigen wir jetzt in Stunden!
Ist das nicht toll?
Nö.
Dass du nur noch Stunden anstatt Wochen brauchst, um einen Haufen zweifelhaften Content-Mist zu bauen, löst deine Probleme nicht. Erst recht nicht, wenn jemand anders dann Wochen aufbringen muss, um den Mist wegzukarren.
Wenn du denkst, dass Software jetzt in Tagen entsteht und wir ganze Dev-Teams auf die Straße setzen können, dann hast du nicht verstanden, dass die langen Laufzeiten in der Softwareentwicklung oft nichts mit der Produktivität eben dieser Dev-Teams oder der Geschwindigkeit der Code-Produktion zu tun haben. Sondern viel mehr damit, dass Entscheidungsprozesse Zeit brauchen und organisatorische Hindernisse durch KI nicht verschwinden.
Klar kann man Prozesse mit KI super schnell optimieren und automatisieren, aber wenn du das nicht gründlich (und mit vielen, vielen Daten) testest und justierst, dann knallt es schneller als du denkst. Und je nachdem, wie sehr du es übertrieben hast, hältst du die nachfolgende Lawine dann auch nicht mehr auf.
Benchmarks sind auch toll. Verstehst du, was sie messen? Begreifst du, wie viel oder wie wenig sie sich mit dem decken, was du in der Praxis tust? Dass 50 % Erfolgsquote kein großer Gewinn für die Praxis ist, sondern einfach nur so gut wie ein zufälliger Münzwurf? Und dass die 80 %, die dir ein Agent abnimmt, vielleicht auch nach Pareto-Prinzip nur die 80 % der Arbeit sind, die eh keinen Aufwand machen, und du auf dem harten Tobak sitzen bleibst?
Helfen dir riesige Kontextfenster wirklich, oder glätten die das weiße Rauschen, dass dein LLM produziert, vielleicht einfach nur noch mehr? Und wenn die Dinger dafür sorgen, dass du neben den relevanten Infos einfach nur noch viel mehr Müll in den Prompt wirfst, macht das deine Ergebnisse wirklich besser?
Glaubst du wirklich, dass KI-Agenten, die vor allem auf Superlativen basieren, reif dafür sind, Aufgaben zu übernehmen, die unternehmenskritisch sind?
Die großen Zahlen, um die sich die Hypespirale dreht, sehen toll aus. Aber bei näherer Betrachtung ist es vielleicht auch nur eine Ziffer. Und zwar eine große Null.
Und das Einzige, was dann noch groß bleibt, ist die Enttäuschung.
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