Sooo müde
KI (ich nenn das jetzt einfach mal so, richtiger wäre es natürlich, im Rahmen dieses Textes von generativer KI zu sprechen) macht alles effizienter und produktiver. Das hören wir jeden Tag. Ich glaube so langsam, dass das eine Mogelpackung ist. Das hat mehrere Gründe - und ich finde, auch du solltest die auf dem Schirm haben, denn ohne darüber sorgfältig nachzudenken und ein paar Dinge abzuwägen wirst du nie an dem Punkt ankommen, wo du KI wirklich effektiv nutzt.
Fangen wir mal mit dem trivialsten an. Aufmerksamkeitsökonomie. Die ist für uns alle überhaupt nichts Neues, das jemand, der etwas von uns möchte, um unsere Aufmerksamkeit buhlt, das ist wohl so alt wie die Menschheit. Verschoben hat sich durch die zunehmende Technologisierung aber, welchen Stellenwert das in unserer Gesellschaft einnimmt und wie sehr das unser Leben bestimmt. E-Commerce hat schnell gelernt das zu bespielen, Social Media hat das Thema schon fast gemeistert. Das Smartphone mal wegzulegen, nicht doomzuscrollen, das fehlt echt massiv schwer. Aber das war noch nicht der Gipfel. Man kann noch einen drauf setzen. Was ist noch schlimmer als was zu verpassen? Genau, selbst vielleicht nicht wichtig genug zu sein. Und damit landen wir bei ChatGPT und co. Was tun die Dinger? Sie stellen dich als Gesprächspartner in den Mittelpunkt. Was ja auch klar ist, du sprichst hier ja nicht mit Menschen, die alle dasselbe Bedürfnis haben, die ihre eigenen Päckchen mit sich herum tragen und gefragt werden wollen, wie es dir geht. LLMs haben kein Ego. Alles dreht sich nur um dich. Und das, oft genug, auch noch in äußerst schmeichelhafter Art und Weise, bloss nicht kritisierend, bloss nicht angreifend. Wir nennen das Sycophancy. Also Schmeicheleien, Honig um den Bart schmieren, aber alles in einer unaufrichtigen Weise. So gebaut, dass es dich kaum noch los lässt. Vielleicht (und das mag ja was Gutes sein) sogar dein Ego boostet. Aber was dich damit auch in die emotionale Abhängigkeit treiben kann. Zu einer Maschine. Die einem Unternehmen gehört, dass direkt oder indirekt nur dein Bestes will: Deine Aufmerksamkeit. Und auch dein Geld.
Das Thema KI schreitet auch massiv schnell voran. Vorgehensweisen, Lösungsansätze, Technologien werdne in absurdem Tempo obsolet. Die Entwicklung suggeriert eine Volatilität, gegen die du kaum gewissen kannst. Denn alle 3 Monate deine E-Mails anders zu automatisieren bringt dir effektiv keinen Zugewinn. Du drehst dich nur ewig im Kreis. Kommt vielleicht gut in deiner TechBro-Bubble an, wenn du zu jedem neuen Hype was zu sagen hast, aber nüchtern betrachtet schaffst du wenig mehr als heiße Luft. Für den ernsthaften Business taugt das nicht. Ist auch eine dämliche Strategie, du verhakst dich in einer langen Kette von vermeintlichen “Sunk cost”-Fehlannahmen und wirft immer wieder alles über Bord. Dabei hätte dich die Technologie von 2023, sauber verfolgt, jetzt vielleicht schon 30% effektiver gemacht. Mehr Übersicht im Datenchaos, mehr Klarheit über Abläufe.
Selbst da, wo du den Werkzeugkasten stabil hältst, kann aber immer noch viel schief gehen. Dass KI viel Arbeit einspart ist oft eine Fehlannahme. Sie macht vielleicht auch viel mehr Arbeit. Plötzlich liegen viel mehr Aufgaben auf dem Tisch, weil KI ja einzelne Schritte automatisiert. Man neigt plötzlich viel mehr zum Multitasking, denn es ist ja super-leicht, etwas neues anzufangen. Doch diese Prozesse rennen früher oder später immer in Bereiche rein, wo du wieder manuelle Arbeit investieren musst. Und dann ist der Schreibtisch voll. Natürlich überfordert uns das. Natürlich erschöpft uns das. Was darunter leider? Deep Work, also das, was Wissensarbeiter:innen eigentlich machen sollten. Das passiert signifikant (so 9% im Durschschnitt) weniger. Und was laut den KI-Bros ja heute schon quasi überflüssig ist.
40% des Produktivitätsgewinns durch KI geht übrigens durch nerviges Nacharbeiten wieder drauf. AI Slop, also völlig unnötige oder aufgeblähte Ergebnisse ohne Inhalt und Mehrwert wollen zudem ebenfalls bearbeitet werden. Das kommt noch oben drauf. Kein Wunder also, dass die allermeisten Unternehmen mittlerweile KI als Geldgrab sehen. Die Marketingversprechen greifen nicht. Und die Frustration geht dann wieder runter bis an die Schreibtische. Dazu kommt dann noch die Frustration, dass die KI einem einen Großteil der Arbeiten abnimmt, die eigentlich Spaß machen. Und uns stattdessen in die Rolle der Kontrolleure drängt. Was alles mögliche ist, aber bestimmt nicht kreativ und abwechslungsreich.
Und zu guter letzt müssen wir uns fragen, was macht die Nutzung von KI eigentlich mit uns. Abseits der Tatsache, dass sie uns vielleicht egozentrischer Macht und unsere narzisstischen Wesenszüge verstärken könnte (siehe oben)? Abseits der Ängste, die rund KI geschürt werden, vom Verlust des Jobs bis zur Auslöschung der Menschheit, und das nicht unbedingt zu Unrecht? Nun, sie mutet dem Gehirn einiges zu, dass eigentlich schon allein mit dieser Geschwindigkeit nicht mithalten kann. Und sie verändert vielleicht gerade sehr viel grundlegender unser Denken, als uns das, langfristig betrachtet, lieb sein kann (und keine Angst, jetzt kommt keine “Your Brain On ChatGPT”-Referenz, auch wenn ich die Hypothesen dieser Veröffentlichung ziemlich einleuchtend finde).
Kognition verlagert sich. Das passiert immer wieder, man denke nur an den Google-Effekt. Wozu wissen wenn man weiß wie man sucht? wozu den Orientierungssinn schärfen wenn’s Navi-Apps gibt? Das ist eine Entwicklung, die man natürlich bedauerlich finden kann. An die Substanz geht uns das wahrscheinlich nicht. Aber was passiert mit einer Gesellschaft, die vielleicht durch den Einsatz von KI die Fähigkeit verlliert, Dinge wirklich zu durchdenken, Informationen zu verknüpfen? Was passiert mit uns, wenn wir soweit abstumpfen, das Metakognition, das die Fähigkeit zur Problemlösung durch uns nicht mehr leistbar ist. Was in vielerlei Hinsicht ja durchaus der Kern des menschlichen Intellekts ist?
Darüber nachzudenken, das erschöpft mich.
Viele Fragen und viel Text, und auch viele Behauptungen. Deshalb gibt’s dieses Mal auch eine kleine Leseliste für euch, wenn ihr tiefer in das eine oder andere Thema einsteigen wollt:
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