Der große Heimwerker-Vibe
Früher, in der guten alten IT-Consulting Zeit, haben wir einen gewissen Menschenschlag beim Kunden öfter mal als Heimwerker bezeichnet. Und das nicht mal herablassend. Meist ging es um Leute, die mit begrenzten Mitteln, viel Enthusiasmus und audidaktischem Können in Sachen IT so einiges in der eigenen Firma auf die Beine gestellt haben – oft, weil’s einfach nicht anders ging. Oder weil der Chef zu knauserig war.
Das Ergebnis was dabei herauskam war meist sehr ähnlich. Es war, je nach Region, das Excel oder die Excel. Also in aller Regel eine relativ große, munter mit Formeln und Querverweisen ausgestattete Officedatei, die einen zentralen unternehmenskritischen Prozess (oder mehrere) unterstützt hat. Oder sogar dieser Prozess war. Und die damit erstaunlicherweise ganze Enterprise-Systeme überflüssig gemacht hat. Wartungshandbuch? Check. Lagerbestand? Check. Kunden-CRM? Klar doch! Personalkartei. Aber sowas von!
Und was soll ich sagen? Das hat irgendwie funktioniert. Meist sogar recht gut. Diese Digitalisierung des kleinen Mannes hat viele Firmen voran gebracht wenn nicht gar am Leben gehalten. Über Jahre, vielleicht sogar über Jahrzehnte. Manche haben ihr IT Team sogar daraufhin ausgebaut. Da kam dann noch eine zweite Person in Teilzeit dazu, die den ganzen Support und das ERP in Access abgebildet hat!
Diese Heimwerker haben dann relativ schnell nichts anderes mehr gemacht. Denn überall gab es Spezialfälle. Gesetzesänderungen. Und Wünsche von Nutzer:innen. Da entstand so eine richtig kleine Softwareentwicklung. Und das ging gut, bis es dann nicht mehr gut ging.
Das sind dann typischerweise die Zeitpunkte gewesen, wo wir als Consultants ins Spiel kamen. Wir sind erwachsen, also lassen wir die Profis ran.
In den guten Fällen hatten wir dann den kooperativen Heimwerker am Start, der es geschafft hat, nicht nur sein Excel sondern auch die komplette Prozesslandschaft des Unternehmens in seinem Kopf abzuspeichern und dieses Wissen auch wieder abrufen zu können. Ja, meist waren diese Menschen darüber sogar sehr dankbar, dieses Wissen teilen zu dürfen. Dafür hat sich nämlich außer uns niemand interessiert. Lief ja alles.
Das war ne spannende Basis, wir hatten da einen weisen Menschen und konnten mit dem alles wesentliche, was in der Firma passiert, Stück für Stück transparent machen und in Software gießen. Selten (ganz selten) gab’s dann sogar ein dickes Dankeschön vom Heimwerker oben drauf, der nach 10+ Jahren plötzlich wieder seine eigentlichen Aufgaben im Unternehmen wahrnehmen konnte.
Auf der anderen Seite gab es aber auch die Geheimniskrämer. Die Strippenzieher, die auch all dieses Wissen und die Schreibrechte auf die Excel allein für sich beanspruchen konnten. Die aber keinen Bock hatten, das zu teilen. Und wo wir dann alleine rausfinden dürften, was der Querverweis in Zelle CE871 auf Tabellenblatt 14 wohl tut.
Und dann gab es noch die Firmen, die gar nicht geschaltet haben. Wo der Meister über die Excel schon längst das Unternehmen Richtung Rente verlassen hat. Und wo dann plötzlich alles steht, weil jemand das seit 8 Jahren überfällige Officeupdate eingespielt hat.
Wie erfolgreich solche Projekte waren könnt ihr euch denken.
Warum erzähle ich das eigentlich alles? Weil’s die Erben dieser Handwerker immer noch gibt. Es gibt immer noch Leute, die riesige Exceldateien bauen. Es gibt aber auch Leute, die sich sowas in n8n oder make zusammen stricken (wogegen erstmal nichts spricht). Und es gibt leider auch immer mehr Heimwerkeranwärter:innen, die sich sowas von KI zusammencoden lassen, mit Loveable, Cursor, Windsurf und co. Oder direkt mit Codingagenten, wenn sie was auf sich halten.
Und das ist toll. Ich bewundere den Willen und den Wunsch, Probleme hands-on zu lösen.
Das Problem ist, irgendwo auf dem Weg sind der aktionistische Heimwerker und der weise Heimwerker in verschiedene Richtungen abgebogen. Und an die Stelle des letzteren tritt jetzt der KI Agent. Ich hab jetzt also jemanden mit richtig guten Ideen und einem Ziel vor Augen. Und der (oder die) baut jetzt Dinge, die dieses Ziel erreichen. Die Person wird aber nicht verstehen, warum diese DInge das Ziel erreichen. Und hat leider allzu häufig auch nicht darüber nachgedacht, ob das Ziel wirklich das zum Problem gehörende Ziel ist.
Wir sind also immer noch im Status irgendwie funktionierts. Und das ist ja auch schon mal was. Das Risiko, dass es aber mit der nächsten Änderung dann nicht mehr funktioniert, ist aber ungleich höher. Weil niemand weiß warum es funktioniert. Und sich auch keiner im Detail darum bemüht, dass es wirklich funktioniert. Oder dass es zumindest eine Person mal versteht.
Der Heimwerker, den wir damals als IT Consultants als Partner auf Augenhöhe geschätzt haben, ist tot. Und der, der ihn ersetzt, ist leider ne KI und erzählt uns alles mögliche, aber vielleicht nicht das, was uns weiterbringt. Wenn es heute knallt, dann starten wir bei 0. Weil alles davor nicht die Excel für die Ewigkeit war. Sondern Wegwerfsoftware mit geplanter Obsoleszens.
Ich finde das schade.
Und eigentlich es nicht nur das. Wir haben uns damit gleich ganz viele nachhaltige Möglichkeiten genommen. Code ist Klarheit. Logik ist Verlässlichkeit. Menschen, die das durchdringen und verstehen, verstehen besser, was Organisationen am laufen hält. Und wie es das tut. Das alles geht leider verloren, wenn Software zur Black Box wird. Im Unternehmen. Aber auch in der IT, wenn man sich auch dort zu weit von der Basis entfernt. Aber dazu nächstes mal mehr. Denn das ist schon einen eigenen Artikel wert.
Sie möchten mehr zu diesem Thema wissen?
Kontaktieren Sie uns gerne für ein unverbindliches Gespräch. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen die passende Lösung für Ihre Herausforderungen zu entwickeln.
Jetzt Kontakt aufnehmen