Mach ma' Piano
Alles geht so fürchterlich schnell. Deshalb kam ich auch nicht dazu, mal wieder einen Beitrag für Mehrwertschöpfen zu schreiben. Aber heute nehme ich mir mal die Zeit. Um darüber zu schreiben, dass das überhaupt nicht gut für uns ist, dass alles so schnell geht.
Und natürlich hat auch das irgendwie mit neuer Arbeit und, wie fast immer heutzutage, mit KI zu tun. Heute zum Beispiel überschlägt sich LinkedIn schon fast, weil Claude das neue Opus-Modell 4.8 vorgestellt hat. Gerade wo wir uns an den Gedanken heran getraut haben, uns an ChatGPT 5.5 zu gewöhnen. Und dann ist das auch noch besser. In allem! Wahrscheinlich kommt’s auch noch in einer schöneren Farbe.
Ihr merkt schon, so wirklich ernst nehmen kann ich das nicht. Diese sich ständig überschlagenden Superlative. Das Feiern jeden kleinen Punktesprungs in (mit Verlaub, recht zweifelhaften) Benchmarks. Und diese ständige Hinterherrennerei, immer das neueste haben zu wollen. Montags ein neuer Agent Harness, Dienstag neue Skills, Mittwoch Abgesang und am besten auch gleich Kündigung der vermeintlich toten Jobs, Donnerstag die Erkenntnis, dass man die Leute doch noch braucht und wieder einstellt und Freitag dann ein neues LLM als krönenden Abschluss der Woche.
Das Ding ist: wo dazwischen passiert bitte noch Wertschöpfung? Was davon soll nachhaltig sein? Und wo bleiben wir noch stehen, um konstruktiv und kreativ zu werden, wenn wir doch eigentlich ständig in Bewegung sind?
Eigentlich haben sich viele von uns schon in diesem Feld zwischen Leistungsdruck, Effizienzoptimierung und KI-Einsatz selbst schachmatt gesetzt. Man denkt nicht mehr, man prüft nicht mehr, man delegiert nur noch. Um Zeit zu gewinnen, noch mehr zu delegieren. Das ist keine Effizienzschleife (den Wert von Effizienz würde ich eh in den meisten Fällen ernsthaft hinterfragen), dann ist einfach nur eine Spiralbewegung Richtung Burnout. Im Silicon Valley hat sich dazu schon der Begriff des AI Vampire etabliert. Gefangen im Höhepunkt der Aufmerksamkeitsökonomie, als Tokenjunkie den Zwang unterworfen, immer mehr zu prompten, immer mehr Agenten auf die Reise zu schicken, immer mehr zu produzieren. Qualität? Egal. Nutzen? Egal. Die eigene Gesundheit? Pfft. Masse, die zählt.
Mehrwert sieht anders aus. Und nachhaltiger KI Einsatz übrigens auch.
Du brauchst nicht immer das neueste Modell. Du brauchst das Modell, das dich bei deinen konkreten Problemstellungen am besten unterstützen kann.
Du brauchst nicht für alles agentische Unterstützung, sondern für das, was du bedenkenlos abgeben kannst und bei dem du trotzdem in der Verantwortung bleibst.
Du bist nicht morgen überflüssig, weil du noch nicht genug KI-Einsatz zeigst. Und dein Job verschwindet auch nicht plötzlich, weil jetzt KI da ist, auch wenn das alle CEOs von den Dächern krähen.
Das Modell mit den besten Benchmarks ist noch lange nicht das beste Modell für deine Anforderungen. Sondern eins, dass auf die wichtigsten Benchmarks optimiert worden ist. Und vielleicht ist es auch nicht das beste Modell für dein Gemüt.
Du solltest nicht mehr arbeiten, weil du jetzt KI hast. Du solltest weniger arbeiten. Geh raus (wenn’s nicht gerade zu heiß ist), kauf dir ein Eis, setz dich in den Park.
Du möchtest natürlich den Freiraum haben, den Automatisierung dir ermöglicht. Aber vielleicht nicht, um noch mehr zu prompten, noch mehr zu orchestrieren. Sondern um zu durchdenken, was du da eigentlich tust. Um zu verstehen, was du da machst. Und um zu lernen einzuschätzen, ob das überhaupt richtig oder falsch, verlässlich oder erratisch ist. Um in Organisationen Abläufe aufzubauen, die nicht mit dem nächsten Modell oder dem nächsten Harness schon wieder überflüssig sind. Die nicht mehr und schneller Fehler machen als Menschen, sondern zuverlässig funktionieren.
Und vielleicht auch, im idealen Fall, für dich. Damit du mal zur Ruhe kommst.
Was hast du heute schon sein gelassen? Wofür hast du dir heute schon so richtig Zeit genommen?
Lass move fast and break things (und erst recht move faster and break yourself) mal liegen. Versuchs mal langsamer, beobachtender, kritisch hinterfragender. Nachhaltig betrachtet, ist das oft besser investierte Zeit.
Das soll auch kein Playdoer gegen KI sein. KI ist toll. KI ist ein Transparenzwerkzeug. Und ein Produktivtätsmultiplikator. Aber nachhaltig wirken kann sie nur da, wo Menschen, ihr Wohlbefinden und ihr Miteinander dadurch nicht unter die Räder geraten.
Und ja, man bekommt das unter einen Hut. Ich entwickle mit meinen Kunden KI-Strategien, die menschenzentriert, verlässlich und damit auch vertrauenswürdig sind. Ohne faule Kompromisse. Und ohne Hype. Lass uns mal schnacken, wenn du das auch möchtest.
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