Die große Transparenz-Defensive

Die große Transparenz-Defensive

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 3. Juni 2026

Transparenz und Management haben seit jeher ein sehr kompliziertes Verhältnis. Jede Organisation lobt Transparenz aus, tut alles, damit Transparenz entsteht, denn alles funktoniert ja besser, wenn alles transparent ist. Nein, sorry, tut es nicht. Merken wir nur meist nicht, weil die meisten Leute zwar die Transparenz-Flagge hoch halten, aber eigentlich nur, um sich dahinter zu verstecken.

Es gab ja schon reichlich Ideen, was man so machen könnte, um für mehr Transparenz zu sorgen. Ich picke mir da immer gerne Agilität heraus. Deren primärer Zweck war es natürlich nicht, transparent zu sein, aber das war ein angenehmer Nebeneffekt. Mehr noch, Agilität funktioniert überhaupt nur da, wo über das, was agil geregelt wird, auch völlige Transparenz herrscht. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das auch der Grund weshalb agiles Arbeiten beinahe überall gescheitert ist: weil man eben versucht hat agil zu sein, ohne Dinge transparent zu machen.

Der Sinn von Agilität war es, die Dinge aufzuzeigen, die nicht gut funktionieren, damit man sie besser machen kann. Impediments. Durchlaufzeiten, Blockadehaltungen, Verlustleistung. Das ganze Programm.

Funktioniert hat das deshalb nicht, weil für diese Dinge, die eben nicht rund laufen, letztendlich Menschen verantwortlich sind. Oft Menschen, die dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden wollten. Was nur geht, wenn man für Intransparenz sorgt. Mach alles undurchsichtig genug, dann ist auch keiner mehr in der Verantwortung. Klappe zu, Affe tot, wie man immer so schön sagt. Übrig bleibt dann nur punktuell verwendete Pseudoagilität, die eigentlich nirgendwo wirklich hilft und der nur gefrönt wird, damit man sagen kann, man macht Scrum oder Kanban. Oder man verpackt dass ganze in so Scherze wie SaFE, wo Agilität nicht viel mehr bedeutet als dass es Iterationen gibt. Weil alles andere daran komplett unagil ist.

Alles irgendwie ein alter Hut.

Aber Transparenz versteckt sich nicht gern. Und jetzt, wo alle generative KI machen wollen, kommt sie mit Kawumms zurück. Was viele nämlich bei all den Bekundungen, wie viel effizienter man durch KI wird, gerne übersehen: Generative KI macht ganz viele Dinge schonungslos transparent. Ob man das will. Oder auch nicht.

Die optimierten Prozesse, auf die keiner mehr schaut und deren Ergebnis überhaupt keine Auswirkung hat? Die waren vorher schon über, hat sich nur niemand getraut, das mal unter die Lupe zu nehmen. Und diese aufgeblähten Tätigkeiten, von denen es immer hieß, die wären wahnsinnig aufwendig und teuer? Stellen sich plötzlich als Trivialitäten heraus. Ebenso wie die angebliche Entscheidungskompetenz mancher Manager doch wieder nur Bauchgefühl oder Münzwurf ist.

In gewisser Hinsicht ist der Einsatz von generativer KI fast schon wie eine Lupe für genau diese Fälle. Schlampst du irgendwelche KI-Tools und Agenten irgendwo hin, und es verändert sich nichts messbares dadurch, dann hast du Dinge gefunden, die weg können. Wenn du es auf der anderen Seite mit Dingen zu tun hast, die wahrscheinlich unternehmenskritisch sind, dann gehst du hoffentlich deutlich sorgfältiger vor. Und das wiederum sorgt dafür, dass man mal richtig klar Schiff macht, alles anpackt und in Beziehung zueinander setzt.

Die ganze Geschichte hat eigentlich nur ein Problem: zu erkennen, wann diese Sorgfalt angebracht ist, ist natürlich ziemlich schwer, wenn alles in deiner Organisation total intransparent ist. Immer den Weg der Sorgfalt zu gehen, dafür hat leider keine Organisation der Welt die notwendigen Kapazitäten. Den schnellen, schlampigen Weg einzuschlagen auf der anderen Seite, das stellt durchaus ein Risiko dar. Denn mal ehrlich, KI mag ja ne Lupe sein, aber ne Lupe ist auch ein Brennglas, wenn man sie falsch hält (oder zündeln möchte). Und zündeln, das geht nunmal mal mit KI total leicht. Oft auch aus Versehen.

Eine Routine ist lästig, schnell mal die KI ein wenig Code schreiben lassen, der das erledigt. Das Dokument ist langweilig, lese ich es halt nicht, lasse ich mir von KI zusammen fassen und treffe darauf basierend eine Entscheidung. Chef will ne Präsi? Die baue ich doch nicht selbst, Excel in die KI gekippt, Powerpoint kommt raus. Termine planen, Meetings protokollieren, für sowas gibt’s doch Tools. Und da wo das immer noch nicht reicht, nutzt man die Tools nicht mehr selbst, sonden lässt Agenten diese Tools nutzen.

Das kann man alles machen. Und das kann auch alles schiefgehen. Wenn’s knallt, dann aber richtig. Und auch das ist dann wieder Transparenz.

Ich bin gespannt, ob man genau aus diesem Grund auch wieder aufhört, mit allen Mitteln den KI-Einsatz forcieren zu wollen. Weil die daraus resultierende Transparenz unangenehm ist (und zudem, in diesem konkreten Fall, auch unter Umständen sehr teuer erkauft).

Oder ob man auf den Trichter kommt, dass Transparenz bei Abläufen und Verantwortungsketten vielleicht doch eine ziemlich gute Idee ist. Tatsächlich wäre das die Variante, die ich mir wünschen würde. Und das öffnet dann eventuell auch wieder die Tür für echte Agilität. Von der auch jede Organisation nur profitieren würde.

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