Vorsicht da vorne!
Vor einem guten Jahr schrieb ich hier etwas über das Kompetenzgefälle. Jetzt nennen wir ähnliches Kompetenzerosion, und das, was ich vor nicht mal 12 Monaten als einen möglichen Faktor identifiziert, wird jetzt zum Treiber des Ganzen. Und, narf, ja, es ist generative KI. Was auch sonst.
Oder vielleicht auch nicht. Denn bei der großen Transparenz-Defensive schrieb ich erst kürzlich, dass KI hier eigentlich was ganz anderes leistet (ihr merkt schon, ich wiederhole mich ungern. Gut, dass es Links gibt). KI zeigt, wo es weh tut. Und wo es peinlich wird.
Peinlich, weil man etwas hätte tun können, aber nichts getan hat.
Gutes Beispiel dafür: Bildung. Die läuft, wenn man so mancher Person glauben mag, gerade voll gegen die Wand. In den Zwischenprüfungen wird mit LLMs geschummelt, was das Zeug hält, am Ende des Semesters kommt dann das Böse erwachen. In der Schule sind die Hausaufgaben mit KI schneller gelöst als Lehrkräfte sie mit KI erstellen können.
Wer jetzt denkt, dass Studierende und Schüler:innen faul sind, kann ja mal ab morgen nur noch zu Fuss zur Arbeit pendeln anstatt Rad, Bahn oder gar Auto zu benutzen. Die machen einfach das beste aus der Situation. Vielleicht auch, weil die sichtbaren Alternativen fehlen.
Das, was wir hier eigentlich sehen sollten ist, wie dämlich unser Bildungssystem ist. Wir bringen offenbar nicht bei, dass es sich lohnt, Dinge zu verstehen. Und das nicht erst seit gestern. Das klassische Noten und Auswendiglernen von Fakten vielleicht nicht gerade kognitive Meisterleistungen hervorbringt, das ist ja nichts neues, das passiert nicht gerade erst, wie man jetzt gerne vorgibt. Wir wissen das seit 50 Jahren. Ignorieren wir nur. Wie lange eigentlich noch?
Ignoriert haben wir das vielleicht auch deshalb, weil wir viele Menschen im Arbeitsleben in Jobs stecken, in denen sie gar keine kognitiven Leistungen vollbringen müssen. Damit meine ich jetzt nicht die Jobs, die ihr vielleicht auf dem Schirm habt. Ich rede tatsächlich von White-Collar-Jobs. Sachbearbeiter:innen, Programmierer:innen, Berater:innen, Projektmanager:innen. Und Management!
Vielleicht haben wir hier einfach jahrzehntelang maßlos überschätzt, wie komplex viele Tätigkeiten in diesen Jobs wirklich sind. Jetzt stehen genau diese Jobs auf der Kippe, dank KI. Oder halt auch nicht. Man sieht ja eher, sie bleiben (oder kommen zurück) und wir könnten sie problemlos mit den Studienabbrechern von weiter oben besetzen, weil in diesen Jobs in vielen Firmen keine Kompetenzen angewandt werden müssen - wir reden ja nicht umsonst immer nur über Arbeitszeit und wie man diese absitzt.
Kompetenzfreiheit (das letztendliche Resultat von Kompetenzerosion) ist nichts Neues. KI macht sie nur sichtbar. Und erlaubt es offenbar, ihr Auftreten weiter nach vorne zu schieben. Weg aus den Jobs. Kompetenzen fallen jetzt (ja, ironisches jetzt) schon an der Uni weg. Oder noch früher, an der Schule.
Die Reaktion der Empörung auf LLMs in der Bildung und auch im Beruf ist vielleicht unangebracht. Der Spiegel, der uns hier vorgehalten wird, spiegelt nur die Businesswelt wider, wie sie ist. Und das nicht erst seit heute, sondern seit Jahrzehnten. Vielleicht tut es auch so weh, weils der Wirtschaft so schlecht geht und man zumindest so ein Bauchgefühl hat, dass man sich vielleicht etwas weniger Kompetenzfreiheit hätte leisten sollen.
Weg von der Kompetenzfreiheit kommt man nur mit Kompetenzaufbau. Und den muss man offenbar anders, erkennbarer gestalten. Hängen tut Kompetenz nämlich weder an Noten noch an Zertifikaten und erst recht nicht an Positionsbezeichnungen und Beförderungen nach Nase durch die Vorgesetzten.
Wir müssen einerseits neu denken, wie man Kompetenzen aufbaut. Das betrifft natürlich Schule und Hochschule, aber gerade in einer alternden Gesellschaft reicht das nicht. Kompetenzaufbau sollte erst dann aufhören, wenn er wirklich nicht mehr gebraucht wird. Und das ist frühestens in der letzten Lebensphase. Und selbst da wäre ja noch Platz, mal was Neues zu lernen.
Ich behaupte übrigens radikal, dass es nicht dazu gehört zu überlegen, was in 10 oder 20 Jahren vielleicht wichtig ist oder was die Wirtschaft gerade meint zu brauchen. Das mit der Zukunft wissen wir eh nicht und das mit der Gegenwart glauben wir auch nur zu wissen (mangels Kompetenz). Wichtig sind Grundkompetenzen, auf denen alles fusst, damit das, was an Kompetenz konkret irgendwann gebraucht wird, möglichst schnell und direkt erworben werden kann. Es braucht keine Future Skills, nach denen immer gerufen wird. Es braucht Foundational Skills.
Wir müssen aber noch viel dringlicher lernen, Kompetenz als solche zu erkennen (wie sollen wir auch sonst wissen, ob der Aufbau selbiger geklappt hat?). Wenn wir uns nicht mehr hinter Zeugnissen verstecken können, wird das vermeintlich zu einer deutlich schwierigeren Aufgabe. Kompetenz wird benötigt, um eine ähnliche Kompetenz zu beurteilen. Fehlt die, dann hole ich mir auch mal ne Nulpe ins Boot. Auch das ist nichts Neues, wir können im jetzigen System lediglich die Verantwortung von uns weisen und behaupten: Der hatte ja alle Zertifikate. Auf dem Papier ein Perfect Match!
Es braucht also Kompetenz um Kompetenz zu erkennen. Die ist natürlich nicht nur selten, sondern dieser Umstand bringt auch leider mit sich, dass man sich eingestehen muss, in vielen (wenn nicht gar den allermeisten) Dingen eben nicht kompetent zu sein – und vielleicht sogar in denen, für die man mehr oder weniger gut bezahlt wird.
Das ist leider auch die harte Wahrheit, die jetzt viele von uns trifft. Viele Tätigkeiten sind überflüssig, und das kapiert man so ganz langsam. KI macht nicht deinen Job. Die Erkenntnis ist gereift, dass niemand deinen Job machen sollte. Das ist nicht schön (und fühlt sich wahrscheinlich noch viel schlimmer an als wenn ein seelenloses Schättdschippdi dir deinen Job wegnimmt).
Aber wenn man früh genug auf den Trichter kommt, kann man natürlich in die Handlung gehen und, na? Kompetenzen aufbauen, genau. In der Hoffnung, dass das jemand mit Kompetenz bemerkt und man zusammen findet.
Bequem klingt das alles nicht. Fast schon eher fatalistisch. Aber, das ist immer noch der gute Weg. Die Alternative dazu ist viel düsterer. Im KI-Zeitalter können kompetenzfreie Menschen anderen kompetenzfreien Menschen eigentlich beliebiges vormachen – da waren wir ja erst im letzten Beitrag. Das kann man versuchen auszuhalten, aber ich denke wir merken alle so langsam, dass das schwierig ist und aushalten einfach nur noch zu ignoranter Wirklichkeitsverweigerung wird. Weil immer mehr Systeme kippen und gesellschaftlichen innerlich wie äußerlich immer weiter auseinander driften. Das trifft mit etwas Pech schon dich, es trifft mit Sicherheit deine Kinder härter und über deine Enkel reden wir besser gar nicht.
Kompetenzfreiheit wird all das nicht verlangsamen, die befeuert nur die Ignoranz. Bewegen tut sich dort etwas, wo man sie nicht mehr duldet und bereit ist, selbst Kompetenzen aufzubauen. Das macht nicht auf einen Schlag alles besser. Aber es öffnet neue Wege. Und ich denke, die können wir alle gerade, aber noch mehr in Zukunft, ganz gut gebrauchen.
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