Innovationsfeindlichkeit, gerechte Gesellschaft und KI
Hallo LinkedIn, es ist schon wieder Freitag und damit mal wieder Zeit für ein paar persönlichere Gedanken.
KI ist da (ehrlicherweise ist sie das schon ziemlich lange, man hat nur nie drüber nachgedacht). Und sie geht auch nicht mehr weg.
Wir können beobachten, dass viele Menschen mit dieser völlig neuen (und für sie weitestgehend unverständlichen) Technologie genauso umgehen, wie sie es in der Vergangenheit mit der Einführung vom Internet, Computern, Industrierobotern, Fließbändern, Differenzmaschinen, Webstühlen, Rädern und Steinen getan haben: Sie sehen ihren Platz in der Gesellschaft gefährdet und versuchen, das nicht aufzuhaltende aufzuhalten.
Change happens - immer noch
Ich schrieb es schon letzte Woche. Veränderungen, gerade in der Arbeitswelt, passieren immer wieder, ob wir das wollen oder nicht. Wir können diese Veränderungen zu unserem Vorteil nutzen, oder sie blockieren. Wenn bei letzterem aber nicht zufällig der Großteil der anderen 8 Milliarden Menschen auf diesen Planeten mitzieht, dann stehen wir auf verlorenem Posten.
Natürlich gilt das auch für künstlicheIntelligenz. Interessant ist in diesem Zuge eine kürzlich in der Zeitschrift Science veröffentlichte Studie, die Produktivität und Effektivität im Rahmen unter Zuhilfenahme von ChatGPT etwas genauer beleuchtet hat. Die Studie stellt einige sehr interessante Implikationen in den Raum, und ist generell lesenswert, wenn man sich für das Thema interessiert.
Mir sind insbesondere vier Dinge ins Auge gefallen, die ich sehr spannend finde:
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Weniger gut ausgebildete Mitarbeitende sind plötzlich deutlich produktiver, erreichen bessere Arbeitsergebnisse und erreichen höhere Arbeitszufriedenheit.
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Fähige und sehr fähige Mitarbeitende werden ebenfalls produktiver und zufriedener.
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Die qualitative Lücke zwischen beiden Gruppen verringert sich deutlich.
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Die Angst vor dem technologischen Fortschritt nimmt deutlich ab.
KI, der große Gleichmacher?
Ist KI damit nicht nur ein Produktivitätstreiber, sondern auch ein Werkzeug, um traditionelle Ungleichheiten im Arbeitsumfeld besser in den Griff zu bekommen? Und vielleicht auch, um mehr Menschen häufiger Erfolgserlebnisse zu bescheren?
Mit der Beurteilung muss man sehr vorsichtig sein. Tatsächlich ist das Bild, was sich hier für den Einfluss von KI ergibt, mehr oder weniger dasselbe, das wir auch bei anderen technologischen Innovationen in der Vergangenheit gesehen haben, insofern überraschen mich die Ergebnisse nur wenig.
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Wer sich aktiv mit Dingen beschäftigt, hat logischerweise weniger Angst vor diesen. Das gilt auch für KI. Irgendwie ein Selbstläufer also, aber trotzdem gut, das einmal in Zahlen gegossen zu sehen. Und damit eine Bestätigung zu haben, dass hier durch aktive Teilnahme am Geschehen tief sitzende Ängste (zum Beispiel vor dem Jobverlust) angegangen werden können.
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Wenn ich etwas schaffe, dann fühle ich mich gut. Auch nicht verwunderlich. Insbesondere, da die Studie dies über einen doch eher kurzen Zeitraum beobachtet hat. Ich stelle mir hier natürlich die Frage, wie lange es dauert, bis dieser Effekt abstumpft. Weder ChatGPT noch Google haben nach kurzer Recherche zeitgemäße Forschungsergebnisse dazu liefern können. Meine Vermutung ist aber, dass allein schon hedonistische Adaption diesen Effekt in absehbarer Zeit zunichtemacht.
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Ich benötige weniger Know-how und weniger Können, um grundlegend brauchbare Ergebnisse zu erhalten. Darüber schrieb ich schon Anfang des Jahres: KI wird im Bereich der Inhaltsgenerierung für eine deutliche Konsolidierung sorgen. Wenn ich mit mäßigen Prompts zu mäßigen Texten/Programmen komme, dann brauche ich keine mäßigen Texter/Programmierer:innen mehr. Auch das ist keine neue Entwicklung. Wenn ich Roboter habe, dann brauche ich weniger Menschen, die schwere Dinge bewegen oder genau ausrichten können. Wenn ich Straßen und Autos habe, dann habe ich plötzlich einen viel größeren Einzugsbereich für Menschen, die für mich arbeiten oder meine Produkte kaufen möchten.
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Falls ich viel Know-how und Können habe, dann kann ich, bezüglich der Integration der neuen Werkzeuge in mein Schaffen, eine Entscheidung treffen: Ich kann mich vollends darauf verlassen und werde faul. Dann spiele ich fortan in einer Liga, die nur geringfügig über der aus Punkt 2 liegt. Oder verweigere ich mich dem Fortschritt? Dann bin ich irgendwann weg, es sei denn ich schaffe es, die Menschen, die mich bezahlen, vollends für den Kunst - oder Manufakturgedanken hinter meinem Schaffen zu begeistern (im Wirtschaftskontext ist das eher unwahrscheinlich). Spannend ist meiner Meinung nach vor allem die dritte Option: Ich nutze den Fortschritt, ruhe mich aber nicht auf seinen Ergebnissen aus, sondern veredle sie durch mein Können – ich mache die Lücke zwischen dem, was jeder kann und was ich kann, wieder größer, ohne mich total in manueller Arbeit zu verausgaben. Diese Aussagen gelten natürlich für KI. Aber auch für’s Smartphone, für Acrylfarben, für Nähmaschinen und Ochsenkarren.
Wird sich unsere Gesellschaft durch KI verändern?
Ja, mit Sicherheit. Genauso sehr, wie sie sich durch jede andere technologische Innovation verändert hat, angefangen mit Feuer und Ackerbau. Aber auf der anderen Seite auch nicht mehr. Kunst wird sich nicht maßgeblicher durch KI verändern, als sie das durch Buch- und Siebdruck oder die Nutzung von Ton getan hat. Produktion wird sich nicht maßgeblicher verändern, als sie das durch Fließband und Pneumatik getan hat. Softwareentwicklung wird schneller, aber bestimmt nicht einfacher.
Und auch unsere Gesellschaft als ganzes wird nicht über Nacht zu einer neuen. KI gibt uns (wieder einmal, auch das ist typisch für jede größere Innovation) neue Mittel an die Hand, die Welt gerechter zu gestalten und die großen Probleme, mit denen die Menschheit sich auseinandersetzen muss, zu lösen.
Ob wir das aber wirklich tun oder ob wir sie nur als Produktivitätssteigerung und Kostenoptimierung sehen. Ob wir sie als kognitive Erweiterung unseres eigenen Verstandes betrachten oder sie nutzen, um unser Gehirn noch mehr faulenzen zu lassen (und damit vielleicht auch noch ein wenig dümmer zu werden, Stichwort Umkehrung des Flynn-Effekts).
Das hängt wie bei jeder anderen Innovation einzig und allein von uns selbst ab.
Schönes Wochenende euch allen.
PS: Vielen Dank an Prof. Tim Bruysten für das aufmerksam machen auf die Studie, die diesen (übrigens manuell, aber mit KI-Hilfe verfassten) Text motiviert hat.
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