Abgeschrieben

Abgeschrieben

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 12. November 2024

Du hast es bestimmt auch schon oft genug gehört: Die Nutzung von Social Media und Smartphone gehe zulasten der Lese- und Schreibfähigkeiten. Behauptet man jedenfalls. Ich sage absichtlich behauptet, weil die Studienlage meines Wissens nach dazu wirklich durchwachsen ist. Die letzte mir bekannte Metastudie zum Thema (Ames, Baert, 2020, Smartphone use and academic performance) zeigte jedenfalls erhebliche Schwächen in den bis dato durchgeführten und analysierten Untersuchungen auf.

Ob das wirklich so stimmt, darf also bezweifelt werden. Selbst, wenn man sich auf so etwas wie Rechtschreibung konzentriert, geben Studienergebnisse nicht wirklich ein klares Bild wieder.

Was aber dagegen recht unstrittig ist: Wie wir miteinander kommunizieren, das ändert sich.

Viele kritisieren das, aber alle machen es mit. Videokonferenz statt Besprechungsraum, Chat statt Anruf, Messenger statt Brief. Manch einem Menschen fehlt da etwas.

Auf der anderen Seite, und ich gebe zu, da stehe ich auch, macht dies Kommunikation aber auch integrativer. Ich als neurodivergenter Mensch kann zum Beispiel dank der Technisierung der Kommunikation plötzlich an einem Austausch teilhaben, der vorher für mich extrem anstrengend oder gar völlig unmöglich gewesen wäre. Es ist nicht alles toll, klar, es gibt Medienbrüche, die einem das Leben schwermachen (den Erfinder:innen der Sprachnachrichten hätte ich beispielsweise schon ein paar Takte zu sagen…), aber man bleibt trotzdem irgendwie im Austausch.

Hier sind Menschen im Gespräch. Noch.

Aber was wird das KI-Zeitalter wohl mit unserer Kommunikation machen? Ich sehe hier durchaus einige problematische Entwicklungen auf uns zukommen. Ja, eigentlich sind sie sogar schon da.

Da wäre zum einen Depersonalisierung zu nennen. Wir entfernen uns zusehends von den eigentlichen Inhalten unserer Kommunikation. Warum noch selbst eine Nachricht verfassen, wenn das doch auch eine generative KI für uns erledigen kann? Und warum noch eine längliche Nachricht lesen (oder eine unnötig lange Sprachnachricht anhören), wenn man sich diese auch vom selben LLM direkt zusammen fassen lassen kann.

Wir gehen, bei Sendern und Empfängern gleichermaßen, mehr in die Distanz. Ob das zwischenmenschlichen Beziehungen oder auch nur dem gegenseitigen Verstehen zugutekommt, wage ich zu bezweifeln. Vom Respekt der Kommunikationspartner füreinander möchte ich gar nicht anfangen.

Und nicht nur das, solange solche Werkzeuge vielleicht nur Entscheidungs- oder Formulierungshilfen sind, solange die Essenz des Kommunizierten immer noch in unserer Hand ist, sind solche Tools ja Gold wert. Aber sie vereinfachen und verfälschen auch. Sie dürfen nicht unsere einzige Form der Kommunikation und vor allem nicht unsere einzige Quelle der Information sein. Damit machen wir es uns, meiner Meinung nach, an der falschen Stelle zu einfach.

Ich lese zum Beispiel gerne KI-Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Artikeln und nutze diese, neben dem offiziellen Abstract, um zu entscheiden, ob sich ein intensiveres Lesen überhaupt lohnt.

Aber die bloße Information der Zusammenfassung hat darüber hinaus nur bedingten Wert – sie kann keine Diskussions- oder strategische Handlungsgrundlage sein. Erst recht dann nicht, wenn eine Zusammenfassung den Inhalt verfälscht.

Kritisch (vielleicht zu kritisch, wer weiß?) betrachtet laufen wir hier Gefahr, nicht nur unsere Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben zu verlieren, sondern unsere gesamte Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren aufs Spiel zu setzen.

Die letztendliche harte, kritische Denkarbeit erspart uns die Anwendung von KI ebenso wenig wie das gegenseitige Verstehen und empathische Kommunizieren – und das wird sie auch nie. Wer sich diese Mühe spart, kann sich auch alles Folgende sparen. Und selbst das ist, frei nach Watzlawick, auch wieder Kommunikation.

Alles Eingehende wie Ausgehende durch den KI-Filter zu jagen, das ist nur unsere modernste Form von “Nachplappern” und “Hörensagen”. Substanzlos. Und in vielerlei Hinsicht überflüssig. Also eigentlich nur ein geschmackloser Füllstoff für die Zeit, die wir angeblich durch den KI-Einsatz eingespart haben.

Manch einer mag sagen, dass der KI-Einsatz in der Kommunikation damit ein Kind seiner Zeit ist.

Aber das hinzunehmen, das ist genau genommen auch wieder die Entscheidung jeder einzelnen Person. Ich jedenfalls nehme es nicht hin.

KI sollte uns die Gelegenheit bieten, mehr Mensch zu sein, mehr mit Menschen zu sein. Nicht weniger.

Sie möchten mehr zu diesem Thema wissen?

Kontaktieren Sie uns gerne für ein unverbindliches Gespräch. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen die passende Lösung für Ihre Herausforderungen zu entwickeln.

Jetzt Kontakt aufnehmen