Natürliche Ignoranz schlägt künstliche Intelligenz

Natürliche Ignoranz schlägt künstliche Intelligenz

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 12. Februar 2025

Heute wird’s persönlich. Heute geht es mal nicht in erster Linie um neue Arbeit, progressive Wirtschaftspolitik oder nachhaltiges soziales Wirtschaften (na gut, irgendwie doch). Heute geht es um Gemecker. Deutsches Gemecker. Und um Wichtigtuerei.

Das heute ist ein guter alter Rant. Auch ich darf mal meckern. Denn ich bin es echt leid.


Hallo, ich bin der Hendrik.

Ich mache seit über zwanzig Jahren maschinelles Lernen, ich arbeite seit 2016 mit Deep Learning, seit 2021 mit Transformermodellen (und allem was daraus erwachsen ist) und ich optimiere mein Tagwerk signifikant durch den Einsatz künstlicher Intelligenz in unterschiedlichsten Darreichungsformen. Ich halte mich über aktuelle KI-Trends auf dem Laufenden und lese zwei bis drei spannende Paper pro Woche (was mir eigentlich nur dank meiner AI-Researcherin Katja Kohlstedt und ihren KI-Skills möglich ist).

Ich bin aber kein KI-Experte. Und das ist keine Manifestation eines Impostor-Syndroms. Sondern eine Konsequenz der Tatsache, dass beinahe alle KI-Experten, die mir so über den Weg laufen, von einer Sache wirklich erschreckend wenig Ahnung haben: Nämlich von KI. Und mit solchen Menschen möchte ich nicht in einen Topf geworfen werden.

Denn diese Menschen paraphrasieren im besten Fall Marketing-Texte der großen GenAI-Anbieter und produzieren im schlimmsten Fall einfach nur Bullshit. Teils sogar höchst gefährlichen Bullshit.

Was erst einmal in einer digital wohl aufgeklärten Gesellschaft kein Ding wäre. In der leben wir aber nicht.

Im Gegenteil, die Bullshit-Sender treffen hierzulande auf dankbare Bullshit-Empfänger, denn der Bullshit untermauert eine Weltsicht, die gerade in Deutschland sehr weit verbreitet ist und hier auch die Wirtschaft dominiert: Alle sind uns voraus und die Politik ist schuld. Doofe Regierung, doofe EU, werft uns doch nicht immer mehr Stolpersteine in den Weg. Die USA machen eh alles viel besser (sieht man ja auch zurzeit sehr gut, wie sehr das den USA bekommt).

Doch zuerst: Kontext. Ich nehm euch mal mit zurück ins Jahr 2017. Von generativer KI war noch nicht viel zu sehen, GPT-1 wird ein Jahr später starten. Forscher von Google veröffentlichen ihr bahnbrechendes Paper Attention is all you need. Und Merkel und Macron treffen sich, um eine zukunftsweisende Strategie für KI in Europa auszuarbeiten. Wisst ihr, wer sie dafür damals ausgelacht hat? Gefühlt alle. Weil das angeblich ’ne Luftnummer ist und die Wirtschaft in Europa doch ganz andere Probleme hat.

Im darauffolgenden Jahr stellt die Bundesregierung einen Fördertopf von 3 Milliarden Euro für KI zur Verfügung. Der Topf wird bis 2020 (immer noch kein ChatGPT hier) auf 5 Milliarden anwachsen. Schon zu Beginn des Programms wurde wieder nur gemeckert. Weil das angeblich ’ne Luftnummer ist und die Wirtschaft in Deutschland doch ganz andere Probleme hat.

Wisst ihr, wie viel aus diesem Topf abgerufen worden ist? Bis heute? 1,5 Milliarden. In diesem Sinne einfach mal Danke an die paar Hidden Champions und die KI-Innovatoren aus deutschen Landen, die kapiert haben, wie wichtig Innovation ist. Und kein Danke an alle anderen, die das ganz bewusst ausgelassen haben.

An mangelnder Förderung kann es also nicht liegen, dass KI in Deutschland nicht in die Pötte kommt. An der Voraussicht der Politik auch nicht (man kann der Regierung Merkel ja viel Untätigkeit vorwerfen, aber hier war die Kanzlerin samt Bundesregierung mal ganz weit vorne).

Hier in der deutschen Wirtschaft blieb man lieber in der vermeintlich risikoärmenen Wartestellung. Mal schauen, was die USA machen, mal schauen, was China macht. Das war schon zu den guten alten Globalisierungszeiten eine Scheißidee. Aber es passt ins Bild. Die deutsche Wirtschaft hat in der Breite verlernt, innovativ zu sein. Strategisch an die Zukunft zu denken. Und zu erkennen, dass Innovation ohne Risiko und ohne Investition ein Wunschtraum ist. Wohlgemerkt, nicht alle Unternehmen ticken so, aber leider zu viele. Und das, liebe Freunde der Sonne, ist ein wesentlicher Faktor, warum es unserer Wirtschaft nicht so gut geht, wie wir das gerne hätten. Vermutlich sogar ein sehr viel größerer Faktor als teurer Strom oder zu strenge Auflagen.

Regulatorien zum Beispiel sind kein Problem, wenn man nicht versucht, sie bis zur allerletzten Minute auszusitzen, sondern sie rechtzeitig angeht. Und das auf der Höhe der Zeit, also nicht mit Bleistift und Papier, sondern mit Data Science und Machine Learning. Wenn man sie, was wir als angebliche Ingenieursnation ja wirklich können sollten, nicht nur als Vertragswerke betrachtet, sondern auch praktisch umsetzt. Dann sind sie auch kein Hindernis.

Eine mangelnde Förderbereitschaft von Seiten des Bundes oder der EU gab es auch nicht. Die Förderlandschaft in den späten 2010ern und frühen 2020ern war fantastisch. Digitalisierte Antragsstrecken, niedrige Einstiegshürden, schnelle Bewilligung. Hätten alle nutzen können, vom KMU bis hin zum Konzern. Ist aber nicht passiert. Jetzt wird geunkt, dass die Förderleistungen zurückgehen. Ja, warum denn? Weil niemand sie abgerufen hat!

Stattdessen wollt ihr Subventionen für das Althergebrachte, das dem globalen Markt schon längst nicht mehr gewachsen ist. Ist das Enkelfähig? Wohl kaum. Konkurrenzfähig? Erst recht nicht. Ihr schafft es nicht mal ein paar Sensoren an eure Maschinen zu schrauben und in China entstehen gleichzeitig energieautonome Fabriken in Rekordzeit. Merkt ihr vielleicht selbst, dass das keine tragfähige Strategie ist, oder?

Selbstreflektion – Fehlanzeige. Denn das alles wäre ja kein Problem, wenn es die DSGVO nicht gäbe. Oder Strom weniger kosten würde. Arbeitskräfte nicht so teuer wären. Und laut KI-Experten könnten wir das ja auch alles sofort lösen, wenn OpenAI und Meta hier in Europa so schalten und walten könnten, wie sie wollten und uns so wichtige Feature wie Metas multimodale LLMs oder OpenAIs Operator uns nicht vorenthalten würden.

Ich bin froh, mit vielen Unternehmen arbeiten zu können, die nicht so denken. Die die EU und ihre strikte Regeln (die übrigens letztendlich dem Schutz unserer demokratischen Gesellschaft dienen, gerade heutzutage sollte das ein echtes Thema sein) nicht als Hindernis, sondern als Wettbewerbsvorteil sehen. Für die Innovation noch ein Thema und keine Floskel ist. Und die wissen, dass das harte Arbeit bedeutet. Und Geld kostet (wenn auch oft deutlich weniger Geld als man glaubt). Die Digitalisierungs- und Fachkräftedruck längst nicht so stark spüren, weil stetige Transformation für sie eine Selbstverständlichkeit sind. Bei denen Stakeholder vor Shareholdern kommen.

Von solchen Unternehmen sollte es meiner Meinung nach viel mehr geben. Denn für die anderen; für die geht es nur noch in eine Richtung. Bergab. Und das zum größten Teil selbst verschuldet. Und vielleicht durch so manchen Technologie- oder KI-Influencer sogar noch beschleunigt.

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