Gib ab!

Gib ab!

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 22. Mai 2025

Wir müssen alle wieder mehr arbeiten, oder? Erzählt mir zumindest jetzt so mancher Mensch aus der Politik, und andere Menschen, zum Beispiel aus Unternehmensverbänden, greifen das auch gerne auf.

Ich könnte da meine linke Seele jetzt frei flottierend losrennen lassen und was davon erzählen, dass Menschen, die ihr Leben aus Kapital und nicht aus Lohn finanzieren dürfen, das nur schwer beurteilen können. Mach ich aber nicht, versprochen. ;)

Denn – ganz falsch ist das nicht, das mit dem mehr arbeiten. Nur halt auch nicht richtig. Und vor allem nicht an die richtigen Menschen gewandt. Aber fangen wir mal von vorne an.

Sollten wir wirklich über Arbeitszeiten reden? Können wir tun, aber dann müssten wir das vollumfänglich machen. Also zum Beispiel auch über fehlende Korrelation von Arbeitszeit und Wertschöpfung reden. Oder darüber, dass Care-Arbeit auch Arbeit ist und eigentlich in diese Betrachtung einfließen müsste.

Der Newsletter hier heißt aber nicht mehrarbeiten, sondern mehrwertschöpfen, also reden wir doch besser über das, was letztendlich dabei herumkommt und das, was den Rahmen absteckt: Wertschöpfung, Wertschätzung und Werte.

Wertschöpfung, das ist eigentlich das, was mich als Unternehmer interessiert. Denn Wert zu schöpfen, das bringt Umsatz. Und den will ich ja wohl haben. Ich habe also ein Interesse daran, meine Wertschöpfung zu verbessern. Und wenn ich nicht gerade plane, in der näheren Zukunft aus dem Game auszusteigen oder selber nur ein Unternehmen verwalte, das mich abseits meiner Gehaltsabrechnung nicht interessiert, dann will ich das wohl auch nachhaltig tun. Denn Umsatz rauf ist gut, Umsatz runter eher nicht so.

Neben Umsatz interessiert mich aber auch der Gewinn. Und das heißt, meine Ausgaben sollen nicht höher sein als nötig. Heutzutage ist da der wohl größte Posten und damit auch das mächtigste Stellrad für Kosten in Unternehmen das Personal. Mitarbeitende kosten Geld. Viel Geld. Eigentlich sogar immer mehr Geld. Und das will ich, als Unternehmer, irgendwie unter Kontrolle behalten. Ich bezahle hier Menschen für Arbeit. Ich kann also jetzt entweder weniger für ihre Arbeit bezahlen (beziehungsweise sie für das gleiche Geld mehr arbeiten lassen) oder ich kann Menschen weniger arbeiten lassen.

Aber, wir haben ja oben schon gesehen, Arbeitszeit und Wertschöpfung korrelieren ja oft überhaupt nicht! Fließbandarbeit mag da noch gut korrelieren, bei Pflegearbeit wird es schon schwieriger. Und bei Wissensarbeit ist allein die Behauptung, dass beides in Korrelation zueinander steht, eigentlich schon absurd.

Was ist also das verbindende Element? Das ist Produktivität. Ist die niedrig, dann kann ich meine Leute auch sieben Tage in der Woche ins Büro sperren, dadurch wird es nicht besser (im Gegenteil, dann wäre wohl zu erwarten, dass die Produktivität noch weiter heruntergeht). Auf der anderen Seite kann ich natürlich dafür sorgen, dass die Produktivität steigt. Ich bekomme mehr Wertschöpfung für weniger Arbeitszeit. Ja, das geht sogar noch weiter: Menschen etwas (nicht dramatisch) weniger arbeiten zu lassen, steigert sogar ihre Produktivität in vielen Bereichen. Ja, was ist das denn?!?

Und damit kommen wir jetzt auch zum gesellschaftlichen Diskurs zurück. Wir haben in Deutschland kein weitreichendes Problem mit der Arbeitsmoral. Im Gegenteil, wir sehen ja, dass die Zahl der Erwerbstätigen, trotz zunehmender Überalterung der Gesellschaft, immer weiter steigt (kann man alles super in den Zahlen der Bundesagentur/vom IAB nachlesen – das zu tun wäre gerade für die Politik auch mal ratsam). Wir können jetzt an der Stellschraube Arbeitszeit drehen, aber was wird das mit der Arbeitsmoral machen? Die wird sinken. Und selbst wenn sie das nicht tut, wie viel werden uns 5 Stunden mehr in der Woche bringen?

Nein, Arbeitszeiten sind nicht unser Problem. Wir haben in Deutschland ein Problem mit der Produktivität. Die ist nämlich in vielen Bereichen nicht sehr hoch. Dass Menschen in diversen Berufsfeldern, in denen es an Personal fehlt, total überarbeitet sind, das geht zu Lasten der Produktivität. Mehr Arbeit gleicht das nicht aus. Dass wir so Bürokratie- und Compliance-verliebt sind (das ist übrigens meiner Meinung nach in weiten Teilen viel mehr ein Wirtschafts- als ein Politikproblem, aber dazu lasse ich mich heute nicht aus), wirft uns immer wieder Stöcke zwischen die Beine. Das geht zu Lasten der Produktivität.

Und zu guter Letzt kommt da noch unsere Fortschrittsfeindlichkeit dazu. Ja, viele Volkswirtschaften versuchen den Fortschritt auch auszusitzen. Wir gehen da noch einen Schritt weiter, wir sind dem Fortschritt gegenüber erst einmal grundsätzlich feindlich eingestellt. Bitte mehr vom Alten, weniger vom Neuen. Und jeder Fortschritt ist sofort eine Bedrohung für unser Dasein oder unseren Wohlstand.

Aber: Webstuhl, Dampfmaschine, Fließband, Auto, Computer, Roboter, Cloud, KI. Fortschritt passiert. Und jedes Mal war der Fortschritt, klar, eine radikale Veränderung, aber auch ein deutlicher Boost für unseren Wohlstand und unser Wohlergehen. Auch weil der Fortschritt unsere Produktivität massiv gesteigert hat.

Kommen wir jetzt aber mal endlich zum Punkt.

„Wir müssen mehr arbeiten“, das ist, wie ich eingangs schrieb, nicht falsch. Aber wir müssen nicht mehr arbeiten, damit die Schichten auf dem Shop Floor oder im Krankenhaus noch ’ne Stunde länger werden. Wir müssen mehr arbeiten, um mehr Produktivität zu ermöglichen.

Und das heißt, wir müssen akke mehr an uns arbeiten. Fortschritts- und veränderungsfreundlicher werden. Die Arbeit anderer mehr schätzen und darauf aufbauen.

Vor allem aber müssen wir mehr Platz für Produktivitätssteigerungen schaffen. Und das heißt, Mitarbeitenden überhaupt den Freiraum geben, sich verändern zu können. Sich auf neue Arbeitsweisen und Technologien einzustellen. Das muss ermöglicht werden. Und das ist damit, klassischerweise, kein Problem der operativen Mitarbeitenden im Unternehmen mehr. Das ist ein Führungsproblem.

Ermöglichen, das ist die Aufgabe von Unternehmer:innen, Führungskräften und Leitungsgremien. Hier ist Nachsitzen angebracht. Hier müssen die Überstunden stattfinden. Hier muss zuerst aufgeräumt werden. Produktivitätsfresser müssen weg, damit man klarer entscheiden kann. Wissen um technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt muss verstanden werden, um wohlinformierter entscheiden zu können.

Wer heute noch Unternehmen leitet, ohne Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Business Continuity oder New Work wirklich auf einem brauchbaren, deutlich mehr als oberflächlichen Level verstanden zu haben, der kann keine sinnvollen Entscheidungen mehr treffen. Wer nicht bereit ist, Produktivität im Unternehmen zu steigern und das dafür notwendige Wissen aufzubauen, sollte vielleicht kein Unternehmen führen.

Wir müssen lernen, nicht mehr nur zu entscheiden, sondern zu erlauben und zu ermöglichen. Das ist ne Menge Holz. Ein Haufen Arbeit. Da müssen wir wohl deutlich mehr arbeiten. Damit die Menschen, die operativ unsere Wertschöpfung betreiben, nicht mehr, sondern besser arbeiten können.

Besser arbeiten. Daran arbeiten wir! Gerne auch mit und für euch. Trete gerne in Kontakt mit uns.

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