Fachkräftemangelverursacher
Ich schreibe viel zu selten direkt etwas zum Personalwesen. Oder zu langen deutschen Wörtern. Heute schlage ich mal zwei Fliegen mit einer Klappe. Aber, Achtung Spoiler, natürlich geht’s irgendwie auch wieder um Digitalisierung und KI. Irgendwas ist ja immer.
Vor einigen Jahren, noch vor GenAI, habe ich mal einige Impulsvorträge zum Thema „Wandel im Personalwesen“ gehalten. Dabei ging es weniger um den Arbeitsmarkt oder um rechtliche Änderungen, sondern darum, wie sich die Aufgaben für Personalfachkräfte in Zukunft ändern werden, bzw. das in Bereichen, in denen die Uhren nicht so langsam ticken, auch längst schon tun.
Meine Aussage damals war, dass sich die Aufgabengebiete der Personalabteilungen verschieben werden. Weg von der Verwaltung, hin zur Entwicklung des Personals. Natürlich auch damals schon mit einigen Seitenhieben in Richtung des Employer Brandings, mit dem Hinweis darauf, dass man sich noch so toll verkaufen kann, wenn man das eigene Personal nicht bei Laune hält, dann lässt sich irgendwann niemand mehr recruiten.
Warum verschwindet die Verwaltung, gerade wo doch immer mehr zu beachten ist? Weil’s oft Routineaufgaben sind, die man automatisieren kann. Klar, die Ergebnisse sollte man besser prüfen, bevor da bei den Gehaltschecks aus Versehen das Komma verrutscht, aber die ganze Verwaltungsroutine, das Durcheinander in den Personalakten, das alles kann in einer digitalisierten Personalabteilung wunderbar strukturiert und automatisiert werden. Damit sich Personalfachkräfte auf das konzentrieren können, was wirklich zählt. Und damit übrigens auch das Standing der Personalabteilung als Hilfsabteilung endlich abgelegt werden kann (ein trauriges Schicksal, das Personaler:innen und ITler:innen teilen, nebenbei angemerkt).
Personalwesen, das ist das interne Consulting, das Individuen, Teams und ganzen Abteilungen hilft, in vielerlei Hinsicht zu wachsen. Das war meine Vision, die ich da plakativ in den Raum geworfen habe. Cool, oder?
Ich habe mich geirrt.
Denn es kam dann wohl anders. Ganz anders. Aus Papier mag vielerorts schon SAP geworden sein. Aber der deutsche Aktenordner, die Unnahbarkeit von Personalverwaltungsprozessen für alle, die damit zu tun haben, die vielen manuellen Schritte. Die sind irgendwie geblieben. Klar, ich mach die jetzt am PC. Aber die meisten Prozesse halten immer noch umständlich Mitarbeitende von der Arbeit ab. Anstatt sie darin zu unterstützen.
Automatisiert wurde schon. Aber nicht da, wo es dran gewesen wäre. Sondern ausgerechnet da, wo es Dinge kaputt macht.
Im Recruiting zum Beispiel. Nichts gegen ein durchdachtes Bewerbermanagement, aber in vielen Firmen fehlt eben das durchdachte an dieser Stelle. Da wird Bewerbermanagement zu irgendeinem Funnel, in den man alles hinein kippt, was ankommt und dann versucht man, möglichst viel auszusortieren, damit man der Sache irgendwie Herr wird.
Fehlende Keywords? Weg damit. Anschreiben paraphrasiert die Ausschreibung? Hau weg. Fehlende Zeugnisse? Weg. Buzzwordliste der Fachabteilung passt nicht zum CV? Ab in den Schredder. Selbst das war dann vielen noch zu anstrengend, aber glücklicherweise haben wir ja KI. Die kann das selbst erledigen. Das fällt jetzt diversen Firmen zwar rechtlich auf die Füße, aber was wir dadurch an Geld gespart haben! (So übrigens schon gehört; mittlere Manager, die nicht wissen, was Opportunitätskosten sind; echt zum Schießen, wenn’s nicht so traurig wäre)
Was ihr euch dadurch vor allem gespart habt, sind Fachkräfte.
Der Fachkräftemangel, das seid ihr.
Menschen, die ein perfekter Match gewesen wären, die euch massiv nach vorne gebracht hätten. Die gehen euch durch die Lappen. Weil ihr sie aussortiert. Weil ihr den Menschen vor lauter KPIs nicht mehr seht.
Personaler:innen, oder besser HRler (denn das ist wirklich nur noch menschenunwürdige Ressourcenverwaltung, sowohl für die Verwaltenden als auch für die, die verwaltet werden), haben da den Draht zum Menschen verloren. Wenn KI in der Fachabteilung die Rahmenbedingungen für eine neue Stelle zusammenfantasiert, die Essenz davon mit KI in der HR herausgezogen wird und dann mit KI daraus eine Stellenanzeige entsteht. Dann könnt ihr euch freuen, wenn sich überhaupt jemand bewirbt. Die, die es tun, haben wahrscheinlich einfach ihre Dokumente basierend auf einer KI-Analyse eurer Stellenanzeige erstellt. Das matcht dann im Talent Management sofort auch super. Auch wenn die Menschen dahinter Flitzpiepen sind.
Liebe Recruiter und Personalentwickler:innen, ich glaube immer noch, dass ihr die internen Consultants seid, die eure Firma braucht. Die sich Zeit nehmen und Zeit einfordern, um sich mit den Fachabteilungen hinzusetzen, um Stellenprofile sauber und passend zu erarbeiten. Das fehlende Puzzleteil eines Teams gut genug zu beschreiben, dass man es überhaupt suchen kann. Und die das dann auch kunstfertig in eine Stellenausschreibung gießen. Die sich die paar Minuten nehmen, um Anschreiben zu lesen. Die Abteilungsleiter in die Pflicht nehmen, weiter geleitete Lebensläufe mal sachkundig zu kommentieren. Die die richtigen Bewerber finden und von Anfang an mit diesen in der Kommunikation bleiben. Damit die richtigen Personen, die, die das Unternehmen echt weiterbringen, schon vor der Zusage wissen, hey, hier will ich arbeiten. Mit diesen Menschen will ich arbeiten! Und die auch ausnahmslos dieses Gefühl in allen MItarbeitenden erhalten. Die demonstrieren: „Du bist uns nicht egal. Wir schätzen das, was du tust und wir helfen dir, noch besser darin zu werden.“
Das passiert viel zu selten. Und vielerorts kann es das auch gar nicht.
Aber vielleicht sollte es das?
Sie möchten mehr zu diesem Thema wissen?
Kontaktieren Sie uns gerne für ein unverbindliches Gespräch. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen die passende Lösung für Ihre Herausforderungen zu entwickeln.
Jetzt Kontakt aufnehmen