Risiko und Verantwortung sind zwei paar Schuhe
Risikomanagement passiert in jedem Unternehmen. In den kleinsten vielleicht in vielen Fällen nur implizit, in den meisten Organisationen passiert es aber explizit. Vielfach muss sie das sogar, denn Unternehmen sind natürlich für die Sicherheit von Menschen, für die Gewährleistung von Abläufen und viele andere Dinge verantwortlich, die gewisse Risiken bergen. Dazu kommen Geschäftsrisiken. Gerade jetzt, wo wir, je nachdem wen wir fragen, auf dem Weg in die Wirtschaftskrise oder schon längst da angekommen sind, zeigt sich, gutes Risikomanagement kann vieles (aber natürlich nicht alles) abfangen oder negative Effekte dämpfen.
An Risiken hängen immer auch Verantwortungen. Das muss gar nicht so drastisch sein, dass man fragt, wer im Schadensfall haftet. Die oft sehr viel zentrale Frage ist, wer das Risiko im Blick hat. Und vor allem wer, wenn es eintritt, die notwendigen (und vielleicht auch nicht gerade angenehmen) Entscheidungen trifft.
Selbst da muss man aber erstmal ankommen. Bei vielen Risiken können wir uns auch entscheiden, dass wir sie ignorieren. Das ist legitim, insbesondere dann, wenn die Auswirkungen gering oder die Eintrittswahrscheinlichkeit sehr niedrig ist. Und auch das sollte besser in Verantwortung getroffene Entscheidung sein.
Und da fangen dann manchmal auch die Probleme an. Risikomanagement ist eine zentrale Aufgabe von Führungskräften, die dabei im besten Fall von fachkundigen Mitarbeitenden und Menschen auf Stabsstellen unterstützt werden. Optimalerweise entstehen hier gut dokumentierte Prozesse, die auch bei Panik greifen und die Regeln wer was wann zu tun hat.
Das setzt voraus, dass alle ihren Job machen. Jede beteiligte Person muss Verantwortung für ihre Tätigkeiten übernehmen. Dazu muss im Vorfeld jeder Person auch klar sein, welche Verantwortung sie übernehmen muss. Und das gilt nicht nur im Risikomanagement. Das gilt überall.
Und mir scheint, wir sind da oft nicht besonders gut drin. Es fehlt an Verantwortungsmanagement. Wir reden, gerade als Führungskräfte, gerne von Aufgaben, wir reden auch gerne von Erwartungshaltungen. Ich habe aber den Eindruck, der Satz “dafür trägst du die Verantwortung” fällt oft erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.
Vielerorts sollte Agilität das lösen. Teams sind selbst verantwortlich (für was eigentlich?), und Teammitglieder tragen auch Selbstverantwortung. Im schlimmsten Fall führt das zu einer Verantwortungsabweisung, und die beiden denkbaren Extremszenarien sind da: Verantwortung trägt im Fehlerfall bitte das Team/das Individuum, Entscheidungen gestehen wir dem Team aber nicht zu. Oder das Team trifft nur Pseudoentscheidungen ohne Effekt, weil das Umfeld keine Rücksicht auf sie nimmt. Dann übernimmt das Team für die Konsequenzen keine Verantwortung – es ist ja nicht wirklich verantwortlich.
Klingt erstmal so als wäre Verantwortung ein Führungsproblem. Ist es aber nicht. Verantwortung ablehnen können Mitarbeitende auch sehr gut. Um besser da zu stehen. Um im Fall negativer Konsequenzen eben nicht verantwortlich zu sein. Und ganz oft auch, um einfach in Ruhe die eigene Arbeit erledigen zu können.
Verantwortung wird damit zu einem Thema der Organisationskultur. So wirklich sauber umsetzen lässt sich das in vielen Organisationsformen auch gar nicht. Tatsächlich führt das selbst in Organisationen, die sauberes Verantwortungsmanagement wirklich etablieren wollen, zu verqueren Erkenntnissen. Verantwortungsgrenzen verlaufen zum Beispiel nicht an Abteilungs- oder Hierarchiegrenzen. Verantwortung zu verteilen, das heißt auch, eine Entscheidungskultur (ich vermeide hier ganz bewusst den ganz fürchterlichen Begriff Fehlerkultur) zu etablieren. Das birgt neue Risiken, ja, das kann sogar ordentlich Geld kosten.
Die ideale Lösung gibt es wahrscheinlich auch gar nicht. Ist auch nicht notwendig, denke ich. Überhaupt mal ein wenig Verantwortung und Entscheidungen aktiv zu managen, anstatt überall nur anzunehmen, dass jemand schon verantwortlich sein wird, hilft schon viel. Vielleicht (ich denke sogar bestimmt) muss die volle Verantwortung überhaupt nicht bei völlig autarken Teams liegen, die sogar Budget- und Personalverantwortung selbst schultern müssen. Vielmehr reicht es schon aus, zu sagen, dass transparent kommuniziert wird, welche Hindernisse einem Erfolg im Weg stehen. Das ist die eigentliche Verantwortung von Mitarbeitenden. Die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, das ist Aufgabe der Führungskräfte. Ebenso zu fragen, was Alternativen sind, wenn sich rausstellt, dass ein Hindernis nicht aus dem Weg geräumt werden kann. Oder welche Einschnitte man dann in Kauf nehmen muss.
Das ist es, wo viele (ich eingeschlossen) eigentlich auch mit Agilität mal hinwollten. Möglichkeiten kommunizieren, wo sie sich auftun. Grenzen ziehen, wo es nicht weitergeht, damit Erwartungen nicht enttäuscht werden. Entscheidungen nicht Ping-Pong spielen lassen, sondern treffen, damit es weitergeht. Menschen auch zugestehen, diese Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie einem gerade vielleicht nicht passen. Und das Ganze transparent. Ist vielleicht gar nicht so schwer. Oder besonders schwer. Je nachdem, in welchem Umfeld man sich bewegt.
Verantwortung zu übernehmen, aber auch zu übergeben und das zu managen kann viele Organisationen besser machen. Und vielleicht auch (gerade personalwirtschaftlich, aber zum Beispiel auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung) nachhaltiger und besser aufstellen.
Obendrauf kommt ja noch, dass wir uns zunehmend Verantwortungslosigkeit nicht mehr leisten können. Nicht nur, dass die Unternehmen immer teuer zu stehen kommt. Nein, wir sind jetzt auch im KI-Zeitalter. Wo wir nicht mehr nur bereit sind, Aufgaben an Maschinen abzugeben, auf die wir uns verlassen können. Sondern an KI-Modelle und Agenten, von denen wir wissen, dass wir uns nicht auf sie verlassen können. Einerseits ist das für viele Führungskräfte vielleicht eine Übung in Demut, und natürlich in Verantwortung.
Andererseits meine ich das aber auch als klare Warnung, nicht einfach bei jedem Problem sofort KI zu krähen. Denn letztendlich sind es immer Menschen, die die Verantwortung für die Dinge tragen müssen. Und der zentrale Unterschied zur klassischen Software ist hier halt: Schuld ist nicht der Lieferant, wenn die Software einen Fehler macht. Schuld bist du, weil du wusstest, dass sie Fehler macht und die Risiken hättest kennen sollen. Da bist du in der Verantwortung. Egal auf welcher Hierarchieebene du unterwegs bist, egal was dein Aufgabengebiet ist.
Und damit nicht genug. Bewahrheitet sich die Dystopie, dass KI Arbeitskräfte in großem Stil überflüssig macht (was ich immer noch nicht so recht glauben möchte und was nebenbei der volkswirtschaftliche Super-GAU wäre), dann wird auch in den Führungsetagen nur noch eins am Menschen hängen bleiben: Verantwortung. Denn strategische Planung, Orchestrierung und Überwachung, das kann dann auch ein KI-Agent.
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