No business like show business

No business like show business

Autor: Hendrik Belitz Veröffentlicht: 15. Juli 2026

Business und Politik sind ja ganz viel Show. Und wer dieses Showgeschäft gut beherrscht, steht gut da. Das ist tolerierbar, solange die Show als solche zu erkennen bleibt. Schwierig wird es dann, wenn Menschen einem was vormachen in Bereichen, wo das schädlich oder gar gefährlich ist. Und erst recht, wenn sie dahin kommen, dass sie sich auch selbst was vormachen. Und das nicht nur für sie, sondern auch für die Umstehenden so glaubhaft wirkt, das Leute falsche Entscheidungen treffen. Denn das sind dann schnell falsche Investitionen in eine unschöne Zukunft. Egal ob das jetzt heißt, dass man sein Geld in fadenscheinige Cryptos steckt, sich Billigkleider aus Fernost schicken lässt oder ganz selbstzerstörerisch ne neoliberale gesichert rechtsradikale Partei wählt, weil es einem gerade nicht so gut geht und keine Aussicht auf Besserung besteht.

Mir geht’s eigentlich auch gar nicht um die ganzen Menschen, die einen ganz bewusst versuchen, in die Pfanne zu hauen. Mir geht’s um die Menschen, die mit besten Wissen und Gewissen denken, dass sie das nicht tun. Die ihr Wissen und ihre Kompetenz vielleicht ein wenig (bis arg) überschätzen. Und natürlich darum, dass die allgegenwärtige generative KI die Einstiegshürde in diesen Bereich nicht gerade höher gelegt hat.

Genau, es geht hier um Kompetenzillusion. Mitspielen zu dürfen, ohne dass andere die eigene Inkompetenz bemerken (Fake it till you make it) war mal ne Kunst. Heute kann das, Tschätdschibbidi sei Dank, jeder. Kompetenz wird externalisiert, ich muss selbst nicht kompetent sein, meine KI ist kompetent für mich (Was man in seiner eigenen Inkompetenz glauben mag, denn tatsächlich ist sie das nicht). Was viele dann als Blödsinn abtun und auf dem nächsten Level dann sagen: Generative KI ist ja voll unzuverlässig und so. Deshalb sind KI-Agenten kompetent für mich (Und auch hier, Überraschung, ist das natürlich falsch). Und es kommt noch besser, Menschen sind ja gut darin Dinge nachzumachen (Monkey see, monkey do) und so folgt der Illusion of competence dann auch die Illusion of confidence, weil man Argumentation und Kommunikationsmuster der externalisierten Kompetenz (also der KI) zunehmend übernimmt.

Denen, die Kompetenz haben oder zumindest vorgeben sie zu besitzen stehen immer die gegenüber, die diese Kompetenz brauchen. Und da wird es dann schwierig. Wie soll jemand mit Bedarf aber ohne Kompetenz beurteilen ob jemand die benötigte Kompetenz hat? Das war schon immer ein Problem. Oft wird das heute dann plötzlich sogar zu „Wie soll ich das beurteilen wenn anscheinend jeder die Kompetenz hat, nur ich nicht?“.

Wie löst man das bitte auf?

Ehrlich, ich weiß es auch nicht. Wenn ich es wüsste, dann hätte ich wahrscheinlich bei jedem Weltunternehmen auf diesem Planeten nen festen Besucherparkplatz mit Goldrand und HR und Einkauf rollen den roten Teppich aus, sobald ich mit meinem solargetriebenen Helikopter am Horizont auftauche.

Ich glaube aber so ein paar Indizien, auf die man schauen kann, die gibt es schon. Und das Schöne daran, dafür braucht es nicht unbedingt Fachkompetenz. Sondern nur Grundkompetenz in Dingen, die sich wahrscheinlich in vielen Lebenslagen als ziemlich nützlich erweisen können.

Vorneweg, ich halte dabei nichts davon, Menschen für ihre Lautstärke, ihr Durchsetzungsvermögen oder scheinbare Egozentriertheit abzustempeln oder anzuprangern. Das mag sich auf den ersten Blick aufdrängen, aber mal ehrlich, ich komme zum Beispiel aus einer Branche in der ich immer noch tagtäglich sehe, dass Frauen ohne Überpräsenz, Überkompetenz und Überkonfidenz zu zeigen ganz schnell als irrelevant abgestempelt werden (Und das gilt für marginalisierte Gruppen oft noch viel mehr; ich komm da als mittelalter weißer Mann mit Behinderung noch ziemlich gut weg). Leute, die du garnicht sehen würdest, wenn sie das nicht tun, solltest du wegen dieser Dinge also vielleicht nicht aussortieren.

Außerdem sagt Verhalten in aller Regel nichts über Kompetenz aus.

Es sei denn, Menschen zeigen spezifische Verhaltensweisen, die nahelegen, dass da Kompetenz oder vielleicht deren Abwesenheit im Busch ist. Und ja, Achtung, große Vorwarnung, im Rest des Textes werde ich jetzt sehr, sehr subjektiv. Und greife da einfach auf meinen reichen Erfahrungsschatz zurück und den langjährigen und regelmässig erfolgreich umgesetzten Wunsch, niemals die klügste Person im Raum zu sein.

Wie freizügig gehen Menschen mit ihrer Kompetenz um, das wäre zum Beispiel etwas, was beobachtbar ist. Kompetente Menschen teilen ihr Wissen in aller Regel doch recht gerne, wenn’s ganz hart kommt, sogar bedingungslos. Wer dagegen aus allem ein Geheimnis macht, betreibt eher Bestandsschutz für sich selbst. Wissen ohne Kompetenz ist aber nicht zuverlässig handlungsfähig (auch nicht mit KI, sorry, schätzt vielleicht ohne KI-Kompetenz so ein, klappt aber nicht). Und kompetente Menschen sind sich dessen bewusst. Hinzu kommt, wer Wissen teilt verhindert dadurch vielleicht, dass andere mangels des Wissens Fehlentscheidungen treffen (Man munkelt, das ist bei manchen kompetenten Menschen tatsächlich so ein Hintergedanke).

So für sich reicht das natürlich noch nicht. Interessant ist auch, wie Wissen geteilt wird. Kompetenzerhalt ergibt sich meiner Meinung nach nur durch aktiven Austausch. Und das setzt voraus, das man Wissen so präsentiert, dass es auch diskutierbar ist. Wer nur Newsletter und private Chatgruppen raushaut und sich bezahlte Schein-Presseartikel in Newsportalen (übrigens ein Unding der Newsnranche, schämt euch da mal ein bisschen) leistet, wer immer Content raushaut, aber sich nirgendwo angreifbar macht, der will nicht, dass die eigene Kompetenz zur Debatte steht. Echte Kompetenz braucht keine Teflonbeschichtung. Und wenn du nicht gerade ne Bratpfanne oder ne Raumfähre baust, brauchst du die auch nicht.

Und daran grenzt auch direkt an: Wer Kompetenz hat, ist in aller Regel auch bereit diese zu verteidigen und macht sich mit angreifbar. Wir gehen also über den Diskurs hinaus, Äußerungen der eigenen Kompetenz dürfen, ja sollen disputabel sein. Kompetente Menschen wollen das in aller Regel sogar, weil sie aus ihren Irrtümern und ihren blinden Flecken lernen wollen (und können). Genauso gehen kompetente Menschen auch mit anderen Menschen in den Diskurs. Im günstigsten Fall wissend oder zumindest glaubend, dass dort am anderen Ende auch eine kompetente Person sitzt die sich über diesen Diskurs freut. Das stimmt nicht immer, denn auch kompetente Menschen haben mal einen schlechten Tag und da keinen Bock drauf. Spannend wird es, wenn das wiederholt passiert und Kritik und Diskurs immer wieder ins Leere laufen bei einer Person. Für mich ist das ein klares Zeichen, dass hier jemand vielleicht nicht so kompetent ist, wie es erstmal scheint.

Auch Kritikfähigkeit ist für mich ein Zeichen von Kompetenz. Einsehen, dass man etwas übersehen hat. Oder noch mehr, einsehen dass man etwas falsch gemacht hat. Und daraufhin, mit der neuen Informationslage, vielleicht die Situation neu zu bewerten, ja, und jetzt wird es wild, vielleicht sogar die eigene Meinung zu ändern. Das muss nicht immer passieren (Kompetenz und Sturheit korrelieren vielleicht, ist zumindest mein Eindruck, einen kausalen Zusammenhang gibt es da aber wahrscheinlich nicht). Ein Agree to Disagree ist auch ein legitimer Ausgang. Vielleicht redet man tatsächlich über verschiedene Themen, kann aber beidseitig die Trennlinie noch nicht benennen. Vielleicht fehlt auch noch der Überbau, der beide Perspektiven zusammenführt. Beides ist in Ordnung. Und führt wahrscheinlich zu einem Ausbau der eigenen Kompetenz.

Kommen wir mal zurück zur KI. Generative KI kann sich nämlich, immer noch, nur schwer in die oben genannten Indikatoren einhängen. Die macht Dinge runder, gefälliger, ausladender, aber viele Indikatoren für Kompetenz beziehungsweise deren Mangel kann sie nicht kompensieren (ich empfehle euch auch explizit, sich nicht auf KI zu verlassen, um sie zu detektieren. Das geht manchmal, manchmal nicht. Meistens nicht.). Und das zu erkennen braucht Metakognition. Genau das ist die Kompetenz, die man ins Feld führen muss, um Kompetenz zu erkennen. Fremdmetakognition, um genauer zu sein.

Ihr merkt aber schon, die ganze Sache hat einen Haken. Das alles ist sichtbare Kompetenz. Das ist spannend für den akademischen Austausch, das ist toll für’s B2B-Geschäft, das ist nützlich bei der Bewertung politischen Handelns.

Für stille Kompetenz löst das nichts. Aus einem Lebenslauf lese ich damit nicht mehr heraus. Und deshalb habe ich wahrscheinlich auch noch nicht all diese goldenen Parkplätze.

Vielleicht ist das auch unlösbar (also nicht das mit den goldenen Parkplätzen – auf die lege ich aber auch so überhaupt keinen Wert. Nicht, dass sich hier einer meiner Bestandskunden zu wenig nachhaltigen und gänzlich unnötigen Umbaumaßnahmen verleiten lässt). Zumindest nicht, ohne die Richtung zu ändern. Denn was ich da einfach nur immer wieder sagen kann, egal ob ich mit Studierenden, Leherenden, Menschen aus dem Personalbereich, Führungskräften oder Bewerbenden rede:

Ihr müsst direkt mit den Menschen kommunizieren. Anders geht es nicht. Heute noch viel weniger als vorher, denn die Zeit der stillen (und stummen) Jobs, die ist ein für alle mal vorbei (sorry das so sagen zu müssen, liebe Kellerkinder, aber ihr könnt das mir, selbst neurodivergentes Kellerkind par excellence, ruhig glauben). Wertschöpfung heute hat immer, ausnahmslos immer mit Kommunikation zu tun.

Und da löst sich der Knoten dann. Sobald kommuniziert wird, bleibt Kompetenz nicht still. Es mag dabei nicht immer leicht sein, den richtigen Kommunkationsweg zu finden, Unternehmenskultur hin, Double-Empathy-Problem her. Aber wer Kompetenz sucht, sollte sich die Mühe machen, sie mit Kommunikation sichtbar zu machen.

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